Euro-Krise : Das ABChaos

Da die Chancen schlecht stehen, dass die Finanzkrise schon bald vorbei ist, hilft nur eines: Fachwissen. Was meinen die Fachleute?

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wie Anleihe

Wollen Staaten Kredite aufnehmen, geben sie Staatsanleihen heraus. Die haben meist einen fixen Zins und eine feste Laufzeit, an deren Ende die Regierung dem Anleger das Geld zurückzahlt. Die Zinsen fließen meist bereits während der gesamten Laufzeit. Staatsanleihen werden wie Aktien am Finanzmarkt gehandelt und können täglich gekauft und verkauft werden. Wie hoch der Zins ist, hängt aber von der Bonität des Staates ab, der die Anleihe herausgibt.



B wie Bail-Out

Englisch für: jemandem aus der Klemme helfen. Genau das wollten die Gründer der Euro-Währungsunion nicht. Die wirtschaftsstarken Länder hatten keine Lust, Defizite der Schwachen zu finanzieren. Daher verbietet der Vertrag von Maastricht einen Bail-Out. Mit einer Ausnahme: Im Fall einer Naturkatastrophe oder eines außergewöhnlichen Ereignisses, auf das ein Land keinen Einfluss hat, ist ein Beistand anderer Länder erlaubt. Die Spekulation gegen Griechenland sei ein solcher Fall, sagen nun die EU-Juristen. Ob sie richtig liegen, ist umstritten.

C wie Credit Default Swap (CDS)

Investoren nutzen Kreditausfallversicherungen, um sich gegen Preisschwankungen bei Währungen, Rohstoffen oder Staatsanleihen zu schützen. Banken und Hedgefonds kaufen CDS aber auch, wenn sie keine Papiere besitzen, die sie absichern wollen. Sie wetten darauf, dass sich die Preise für die Versicherungen verteuern. Gerade in der Griechenlandkrise spielen CDS eine gefährliche Rolle: Wächst die Angst vor einer Staatspleite, werden die Absicherungen auch für Anleihebesitzer interessant; die CDS steigen daraufhin im Kurs und werfen Gewinne ab. Kurz gesagt: Würde Griechenland zahlungsunfähig, hätten die Versicherungsnehmer gewonnen. Die Politik erwägt daher ein Verbot der CDS.

D wie Defizit

Der Maastricht-Vertrag erlaubt eine maßvolle Verschuldung. Sie darf bei drei Prozent der Wirtschaftsleistung liegen, der gesamte Schuldenstand sollte 60 Prozent nicht übersteigen. Diese Grenzen sollten das Leben auf Pump der Politik eingrenzen. Dahinter steht auch der Gedanke, dass übermäßige Verschuldung die Wirtschaftskraft eines Landes und einer Region schmälert. Die EU ist aber bei dem Versuch gescheitert, mit dem Maastricht-Vertrag und dem Stabilitätspakt die Schulden ihrer Mitglieder zu begrenzen – Griechenlands Gesamtdefizit liegt bei 125 Prozent der Wirtschaftsleistung, Italiens bei 116 Prozent.



E wie Euro

Eine Währung in ganz Europa statt vieler nationaler Währungen – dieser Traum stammt bereits aus den 60er Jahren. Besiegelt wurde er Ende 1991 mit dem Vertrag von Maastricht. Der Euro sollte den Frieden stabilisieren, indem die Länder sich noch enger aneinanderketteten. Dazu sollte die Wirtschaft profitieren, weil ohne komplizierte Umrechnungen die Kosten sinken und die Zukunft besser zu planen ist. Doch Ökonomen erkannten früh, dass Europa für eine Einheitswährung nicht optimal geeignet ist. Ohne den Ausgleich durch Wechselkursmechanismen, so die Theorie, müssten Kapital und Arbeit flexibel sein, um Unterschiede zwischen verschieden starken Ländern auszugleichen. In den USA funktioniert das, weil die Arbeitnehmer dorthin gehen, wo es Arbeit gibt. In Europa weniger, auch wegen der verschiedenen Sprachen. Zudem macht jedes Land seine eigene Lohnpolitik.

F wie Finanztransaktionssteuer

1972 hat sich der US-Ökonom James Tobin einen Mechanismus ausgedacht, um Spekulationen auf Währungsgeschäfte einzuschränken: die Tobin- oder Finanztransaktionssteuer. Währungen sollten so die tatsächliche Wirtschaftskraft eines Landes widerspiegeln und nicht Objekt kurzfristiger Spekulation sein. Nicht nur Globalisierungskritiker fordern die Abgabe, sondern mittlerweile auch SPD, Grüne und Linke. Auf jede Transaktion soll eine Steuer von 0,05 Prozent erhoben werden, fordert etwa die SPD. Mit den Einnahmen könnten die Kosten der Krise finanziert werden.

G wie Gold

Das Edelmetall gilt in Krisenzeiten als sicherer Hafen. Da die Angst vor Inflation gerade wieder wächst, raten viele Experten daher dazu, einen Teil des Vermögens in Sachwerte wie Gold oder Immobilien zu investieren. Allerdings bewegt sich der Goldpreis momentan schon auf historischen Höchstständen von 1200 US-Dollar je Feinunze. Es kann daher durchaus sein, dass die Preise nicht mehr weiter steigen.

H wie Hedgefonds

Investmentfirmen, die für Vermögende, Pensionsfonds und Stiftungen Kapital weltweit anlegen. Die Branche, die 1,7 Billionen Dollar verwaltet, gilt als Mitverursacher der Finanzkrise. Die Fonds leihen sich kurzfristig ein Vielfaches ihres Einsatzes, um möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Damit multiplizieren sie aber ihre Risiken: Bei unvorhergesehenen Kursveränderungen geraten die Fonds schnell in Schieflage und müssen dann alle möglichen Wertpapiere verkaufen. Im Krisenfall breitet sich mit ihnen der Wertverfall von einem Markt in den anderen aus. Künftig sollen die Fonds strenger kontrolliert werden.

I wie Inflation

Inflation spielt seit Jahren kaum eine Rolle in der Bundesrepublik, doch die Angst vor ihr ist im Gedächtnis der Deutschen tief verwurzelt. Das liegt an der Erfahrung zweier Inflationen, die zur Entwertung sämtlicher Geldvermögen führten,1923 und 1948. Inflation gilt als unsozial, weil es die Besitzer von Guthaben, Gläubiger sowie die Empfänger staatlicher Transfers benachteiligt. Schuldner und Besitzer von Sachwerten wie Immobilien wiederum können mit dem Thema gelassen umgehen.

J wie Jeder

Spekulieren heißt nichts anderes als in die Zukunft schauen. Insofern ist jeder ein Spekulant, der sein Geld einsetzt in der Hoffnung, damit eine Rendite zu erzielen. Hedgefonds, Investmentfonds, Banken – sie alle wetten auf Fall oder Aufstieg von Unternehmen, Währungen oder Staaten und vermehren so ihr Kapital. Woher aber haben sie dieses Kapital? Und an wen fließt dieses Geld zurück? An die Anleger, die Reichen und die nicht so Reichen, die großen und die kleinen Sparer.

K wie Karlsruhe

Die Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe müssen sich grundsätzlich mit der Frage befassen, ob die deutschen Hilfen überhaupt zulässig sind. In Artikel 125 des Lissabon-Vertrages heißt es: „Ein Mitgliedstaat haftet nicht für die Verbindlichkeiten der Zentralregierungen (...) eines anderen Mitgliedstaats und tritt nicht für derartige Verbindlichkeiten ein.“ Gegen dieses Bail-Out-Verbot haben mehrere Bürger geklagt. Einen Eilantrag gegen die Griechenland-Hilfen lehnten die Richter bereits ab. Weil ohne das Rettungspaket der gesamte Euro gefährdet wäre.

L wie Leerverkäufe

Wetten auf fallende Kurse. Dabei gibt es zwei Varianten: Die Leerverkäufer leihen sich gegen eine Gebühr Aktien anderer Anleger (gedeckte Leerverkäufe). Diese verkaufen sie dann am Markt in der Hoffnung, dass der Kurs fällt. Passiert das, können sie die Papiere billiger wiederkaufen und zurückgeben. Die Differenz streichen sie als Gewinn ein. Bei der zweiten Spielart verkaufen Anleger Wertpapiere, ohne sie sich vorher auszuleihen (ungedeckte Leerverkäufe). Das ist bei fallenden Kursen besonders attraktiv, da keine Kosten für das Leihen anfallen. Leerverkäufe können den Abwärtstrend einer Aktie extrem beschleunigen. Daher will die Bundesregierung zumindest ungedeckte Leerverkäufe verbieten und die gedeckten transparenter machen.

M wie Markt

Das Magische des Marktes rührt daher, dass der Wohlstand aller steigt, wenn jeder auf seinen Eigennutz achtet. Dieses Phänomen der „unsichtbaren Hand“ hat der britische Moralphilosoph Adam Smith im 18. Jahrhundert beschrieben. Doch die Theorie stößt in der Praxis an Grenzen: Durch die Globalisierung hat sich die Marktwirtschaft enorm beschleunigt. Die Politik hat es aber nicht geschafft, ihr einen ausreichenden Rechtsrahmen vorzugeben. Zudem neigt der Markt mitunter zu Krisen, die dann auch Unbeteiligte in Mitleidenschaft ziehen.

N wie Notfallfonds

Haben die EU-Finanzminister gerade beschlossen, um den Euro zu stabilisieren. Überschuldete Euro-Partnerländer sollen mit mindestens 720 Milliarden Euro gestützt werden. 500 Milliarden Euro steuert die EU bei, mindestens 220 Milliarden Euro der Internationale Währungsfonds (IWF). Grundlage ist Artikel 122 des Lissabon-Vertrags. In außergewöhnlichen Notsituationen sieht er Nothilfen seitens der EU vor.

O wie Obama

Europa bekommt wegen seiner Kleinstaaterei Probleme nicht in den Griff – so sieht Amerika auf den alten Kontinent. Sollte aber Amerika seine Probleme nicht bald angehen, könnte es einen ökonomischen Supergau geben. Auf 13 Billionen Dollar belaufen sich mittlerweile die Schulden der USA, Europa kommt nur auf sieben Billionen. US-Präsident Barack Obama hat es seit Amtsantritt noch nicht geschafft, den Trend zu brechen. Bislang haben die USA keine Probleme, neue Schulden aufzunehmen, doch das muss nicht so bleiben. Davor hat die Ratingagentur Moody’s bereits gewarnt. Ein Kollaps der USA wäre deshalb schlimm, weil es niemanden gibt, der Washington retten könnte. Dazu ist das Gewicht Amerikas in der Weltwirtschaft einfach zu groß.

P wie PIIGS

Mehrere Länder nach ihren Anfangsbuchstaben zusammengefasst: Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien – alles Staaten, denen wegen ihrer hohen Verschuldung die Pleite droht.

Q wie Quote

Deutschland ist mit 28 Prozent an der Europäischen Zentralbank (EZB) beteiligt. Diese Quote richtet sich nach den Einwohnern und der Wirtschaftskraft. Gemäß des Verteilungsschlüssels der EZB beteiligt sich Berlin mit 123 Milliarden Euro an der Kreditlinie von 440 Milliarden Euro für überschuldete Euro-Länder. Der Rest des Pakets im Gesamtumfang von 750 Milliarden Euro kommt vom IWF und von der EU. Allerdings könnte der deutsche Anteil auf rund 148 Milliarden Euro steigen, wenn Länder nicht mitziehen, die selbst Hilfen gegen eine drohende Pleite benötigen.

R wie Ratingagenturen

Bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Wertpapieren und Staaten. Die Bewertungsskala reicht von AAA (uneingeschränkt zahlungsfähig) bis D (zahlungsunfähig). Anhand dieser Noten entscheiden Anleger, wo sie ihr Geld investieren. Weltweit gibt es drei große Agenturen: Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. Über ihre Rolle in der Finanzkrise wird gerade heftig diskutiert – vor allem, da sie ihr Geld häufig von denen bekommen, die sie bewerten.

S wie Spareinlagen

Dazu gehören Guthaben auf Girokonten und Sparbüchern, aber auch Tages- und Festgeld sowie Sparbriefe. Guthaben sind durch die gesetzliche Einlagensicherung pro Bank und Anleger bis zur Höhe von 50 000 Euro abgesichert, ab 2011 bis zu 100 000 Euro. Schäden darüber hinaus sichert bei einer Bankpleite bei vielen Instituten ein freiwilliger Sicherungsfonds ab. Kanzlerin Angela Merkel gab im Herbst 2008 eine Garantieerklärung für alle Spareinlagen ab.

T wie Transferunion

Schon bislang ist Deutschland der größte Zahler in der EU. Berlin überweist Geld nach Brüssel, damit die EU die Infrastruktur Portugals oder Griechenlands verbessern kann, durch bessere Straßen oder Unis. Eine neue Dimension wäre erreicht, müssten die wirtschaftsstarken Länder auch noch die Staatsdefizite der schwachen ausgleichen – und zwar auf Dauer. Deutsche Politiker müssten eines Tages ihren Wählern erklären, dass Renten gekürzt werden, damit ein anderes Land nicht pleitegeht.

U wie Umschuldung

Anderes Wort für Staatspleite. Kann eine Regierung ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen, muss sie ihre Gläubiger um einen Abschlag bitten. Sie zahlt also nur noch die Hälfte der Schulden zurück oder verlangt einen Aufschub. Im Fall Griechenlands hätte eine plötzliche Umschuldung zu Börsenturbulenzen und einem Fall des Euro geführt. Ökonomen fordern daher ein Insolvenzrecht für Staaten, damit ein Staat geordnet pleitegehen kann. Der Vorteil wäre, dass man private Gläubiger, etwa Banken, so an den Kosten beteiligen könnte.

V wie Vertrauen

„Vertrauen ist der Anfang von allem“, warb einst die Deutsche Bank für sich. Vor allem bei Geldgeschäften ist es wichtig, dass sich die Geschäftspartner gegenseitig vertrauen. Wenn das Vertrauen missbraucht wird, wie es die Griechen mit ihren gefälschten Zahlen getan haben, führt das auch dazu, dass die Zinsen steigen, wenn das überschuldete Land Geld am Kapitalmarkt aufnehmen will.

W wie Währungsfonds

Kernaufgabe des IWF ist es, die Stabilität des globalen Währungssystems zu sichern. Ländern, denen Zahlungsunfähigkeit droht, hilft er mit Krediten aus. Diese werden unter Marktzins vergeben, sind aber meist an strikte Auflagen gebunden. Die 186 IWF-Mitgliedsländer haben sich bei ihrer Aufnahme mit Anteilen entsprechend ihrer Wirtschaftskraft eingekauft. Deutschlands Anteil beträgt 5,98 Prozent. Daran orientiert sich auch das Stimmrecht. In der derzeitigen Krise hat der IWF enorm an Bedeutung gewonnen.

X wie X für ein U vormachen

So fühlen sich manche in der Finanzkrise, die sich von sogenannten Bank- „Beratern“ hochriskante Papiere haben aufschwatzen lassen – und damit in relativ kurzer Zeit viel Geld verloren haben.

Y wie Yen

Japanische Währung. Die Angst wächst, dass Japan das nächste Griechenland wird. Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt hat mit schon bald 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts den mit Abstand höchsten Schuldenberg unter den großen Industrienationen angehäuft. Allerdings ist Japan anders als Griechenland nicht im Ausland, sondern fast ausschließlich bei den eigenen Bürgern verschuldet. Auch ist das Land eine der größten Gläubigernationen. Bei den Währungsreserven wird Japan nur von China übertroffen.

Z wie Zentralbank

Die EZB galt immer als die unabhängigste Zentralbank überhaupt. So steht etwa die US-Notenbank Fed viel stärker im Dienste der Politik. Indem sich die EZB aber gerade dazu verpflichtet hat, erstmals Anleihen angeschlagener Euro-Länder aufzukaufen, ist sie in den Ruch geraten, nicht mehr unabhängig zu sein. Nun will sie alles daransetzen, das Gegenteil zu beweisen. Das ist entscheidend dafür, dass die Inflation auch in Zukunft niedrig bleibt.

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