Euro-Krise : Merkel und das Märchen vom faulen Griechen

Arbeitnehmer in angeschlagenen Euro-Ländern wie Griechenland oder Portugal hätten mehr Urlaub und gingen früher in Rente, behauptet die Kanzlerin. Ein Blick in die Statistik zeigt: Das ist Unfug.

Philip Faigle
Angela Merkel
Angela MerkelFoto: AFP

Wenn Politiker vor Parteifreunden in der Provinz sprechen, geht es gerne mal etwas gröber zu. Das mag ein wenig die Schlichtheit der Sätze erklären, die Angela Merkel kürzlich im nordrhein-westfälischen Meschede zur Euro-Krise gesagt haben soll. Es gehe, so ließ die Bundeskanzlerin wissen, auch darum, dass man "in Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland".

Die Bürger im Süden Europas, so suggeriert Merkel, hätten außerdem viel zu viel Urlaub. "Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig", wird sie zitiert.

Die Worte der Kanzlerin mögen an der Basis, die zunehmend über die Hilfskredite an die Krisenstaaten schimpft, gut ankommen. Mit der Wirklichkeit in Europa haben sie hingegen wenig zu tun. Weder verlassen die Menschen in Griechenland, Portugal oder Spanien den Arbeitsmarkt deutlich früher als in Deutschland. Noch haben die Bürger dieser Länder viel mehr Urlaub. Um das herauszufinden, genügt ein kurzer Blick in die Statistik.

Ganz falsch wird es im Fall Portugal

Die Industrieländerorganisation OECD errechnet regelmäßig für alle Industrieländer, wann die Menschen in den Ruhestand gehen – und zwar faktisch und per Gesetz. Ergebnis: In Griechenland beträgt das Renteneintrittsalter rein statistisch mittlerweile 65 Jahre für Männer und 60 Jahre für Frauen. Das Renteneintrittsalter der Männer liegt damit im Moment etwas niedriger als in Deutschland, das der Frauen deutlich niedriger. "Das offizielle Renteneintrittsalter ist allerdings nur eine Stellgröße", sagt Monika Queisser, die bei der OECD in Paris die Abteilung Sozialpolitik leitet. "Wirklich wichtig – auch für den Staatshaushalt – ist, in welchem Alter die Menschen den Arbeitsmarkt verlassen."

Schaut man auf diesen Indikator, ändert sich das Bild erheblich. Tatsächlich verlassen die Männer in Griechenland mit durchschnittlich 61,9 Jahren den Arbeitsmarkt, also sogar später als in Deutschland mit 61,8 Jahren. Nur bei den Frauen ist der Berufsausstieg etwas früher: Im Durchschnitt mit 59,6 Jahren. Zum Vergleich: In Deutschland verabschieden sich die Frauen im Durchschnitt mit 60,5 Jahren aus dem Berufsleben. So pauschal stimmt der Satz Merkels also nicht.

Ganz falsch wird es im Fall Portugal. Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt hier bei 65 Jahren – für Männer und Frauen. Tatsächlich aber verlassen die Menschen in Portugal den Arbeitsmarkt viel später als die Deutschen: Männer mit 67 Jahren und Frauen mit 63,6 Jahren. Das Land hat zudem bereits massive Rentenreformen hinter sich. Auch für Spanien stimmt die Rechnung der Kanzlerin nicht so ganz. Vor allem die Frauen gehen dort mit 63,4 Jahren deutlich später in Rente als ihre deutschen Kolleginnen.

Nun mag man einwenden, dass es der Kanzlerin gar nicht um das Renteneintrittsalter ging, sondern um die Höhe der Bezüge. Diese könnten schließlich weit üppiger sein als hierzulande. Stimmt aber nicht. Im Jahr 2007 – neuere Zahlen gibt es nicht – gab der griechische Staat 11,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für Renten aus. In Deutschland waren es mit rund 10,4 Prozent nur unwesentlich weniger. Die Durchschnittsrente in Griechenland ist etwa halb so hoch wie in Deutschland.

Wer das Geld gibt, bestimmt den Kurs

Und was ist nun mit dem Urlaub? Stimmt es nicht, dass Griechen und Portugiesen viel mehr Urlaub machen als die Deutschen? Offiziell zumindest nicht. Laut den Statistiken der OECD haben die Deutschen gesetzlichen Anspruch auf 24 Urlaubstage im Jahr. Die Portugiesen und Spanier hingegen 22, Griechen und Iren 20. Kurz gesagt: Weniger.

Warum die Kanzlerin dennoch das Gegenteil behauptet? Vermutlich ist es ihr daran gelegen, eine im Prinzip wichtige Botschaft ans Volk zu senden: Mehr Hilfen für den Süden gibt es nicht umsonst. Nicht wir müssen uns ändern, sondern die Bürger in den Krisenstaaten, denen harte Strukturreformen aufgebrummt werden. Wer das Geld gibt, bestimmt den Kurs.

Das ist schon richtig. Nur sollte man dazu nicht das Märchen von den faulen Griechen und Portugiesen bemühen. (Quelle: ZEIT ONLINE)

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