Euro-Krise : Mit Dummheit Geld machen

Für seinen Artikel "Mit Dummheit Geld machen" ist Tagesspiegel-Redakteur Harald Schumann mit dem Ernst-Schneider-Preis für Wirtschaftsjournalismus ausgezeichnet worden. Aus diesem Anlass präsentieren wir erneut den Text, in dem unser Autor beschreibt, wie er in der Euro-Krise aus Zorn zum Spekulanten wurde.

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Auf den Schultern von Bundeskanzlerin Angela Merkel lastet viel Verantwortung. Deutschland spielt die entscheidende Rolle in der Rettung des Euro. Bei den Griechen hat die Kanzlerin sich unbeliebt gemacht. Wie ist die Gemeinschaftswährung aber ins Straucheln gekommen? Ein Rückblick.
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27.09.2011 13:26Auf den Schultern von Bundeskanzlerin Angela Merkel lastet viel Verantwortung. Deutschland spielt die entscheidende Rolle in der...

1. UNBEDACHTE WORTE

Zuweilen verraten ein paar unbedacht gesprochene Worte mehr als alle klugen Reden. Ein solches Kunststück gelang Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vorvergangene Woche in der Debatte über die Kontrollrechte des Bundestages bei der Bekämpfung der Euro-Krise. Natürlich dürfe das Haushaltsrecht des Parlaments nicht beschnitten werden, versicherte Schäuble. Aber „bei der Ausgestaltung der parlamentarischen Entscheidungen“, so mahnte er, sei darauf zu achten, „dass wir spekulative Prozesse nicht anheizen“.

Diese Warnung war ebenso berechtigt wie unverschämt. Gewiss, Anleger könnten gut daran verdienen, wenn sie über eine angesetzte parlamentarische Beratung vorab von Interventionen des Stabilisierungsfonds (EFSF) erfahren würden, etwa wenn der Kauf von Anleihen eines Krisenlandes geplant ist. Sie müssten nur schnell selbst die jeweiligen Wertpapiere kaufen und anschließend darauf warten, dass die Euro-Retter mit ihren Käufen die Kurse nach oben treiben. Gleichwohl war Schäubles Einlassung tolldreist und verriet, dass er sein Publikum für dumm hält. Denn er und seine Kollegen aus den übrigen Euro-Staaten veranstalten fortwährend genau das, wovor er die Verteidiger der Rechte des Bundestages warnt: Ihre kurzsichtige und von den Interessen der Finanzindustrie gesteuerte Politik hat den Markt für Staatsanleihen der Euro-Länder in eine wahre Bonanza für Spekulanten verwandelt. Seit nun schon anderthalb Jahren können da kapitalkräftige Anleger und Fondsmanager nach wiederkehrendem Muster mit ein paar Mausklicks auf Kosten von Sparern und Steuerzahlern gigantische Gewinne kassieren – und das ohne jedes Risiko.

Tagebucheintrag: Montag, 3. Mai 2010

Sie wollen es wieder tun. Am Wochenende hat das Bundeskabinett die deutsche Beteiligung am geplanten Kreditpaket für Griechenland beschlossen. Damit ist klar: Ein Jahr, nachdem schon die Gläubiger der deutschen Krisenbanken mit an die 100 Milliarden Euro aus Steuergeld freigekauft wurden, müssen nun auch die Anleger in griechische Staatsanleihen für ihre Fehlinvestitionen nicht haften. Das ist nichts anderes als Sozialismus für Reiche, und es macht mich wütend. Seit Jahren predigen Konzernfürsten und ihre Wasserträger in Regierungsämtern dem Volk die Regeln der Marktwirtschaft, um Lohnsenkungen für Arbeitnehmer und Steuersenkungen für Kapitalbesitzer zu rechtfertigen. Doch jetzt, da es um Banken und ihre vermögenden Kunden geht, zählen die Regeln des Marktes nicht mehr. Für die zweite Bankenrettung binnen eines Jahres will ich aber nicht mehr bezahlen. Und siehe da, nichts ist einfacher als das. Das auf Druck der Banken und Versicherungen konzipierte Gläubigerschutzprogramm stellt sicher, dass die griechische Regierung alle bis 2011 fälligen Schulden bedienen kann. Darum sind nun Griechenland-Anleihen, die schon bald zur Rückzahlung anstehen, genauso sicher wie Bundesanleihen. Aber das schlägt sich in den Kursen zunächst nicht nieder. Noch immer werden die entsprechenden Papiere für weniger als 90 Prozent ihres Nennwerts gehandelt. Vermutlich müssen viele Vermögensverwalter trotz der von Merkel und ihren Euro-Kollegen ausgesprochenen Garantien verkaufen, weil die Ratingagenturen die Griechen-Anleihen auf Ramschniveau herabgestuft haben und ihre internen Regeln ihnen das Halten solcher Papiere verbieten. Meine Wahl fällt daher auf die fünfjährige griechische Anleihe mit der Wertpapierkennnummer A0GSUC, die 2006 zum Zinssatz von 3,9 Prozent aufgelegt wurde. Jetzt ist sie für 88,25 Prozent ihres Nennwerts zu haben, obwohl sie schon am 20. August 2011 – von den Euro-Ländern garantiert – zu 100 Prozent zurückgezahlt wird. Da kann der Kurs nur steigen. Es bietet sich eine „one-way-bet“, wie es die professionellen Händler nennen. Darum kaufe ich über ein kostenloses Depot bei meiner Online-Bank zum Preis von 8825 Euro griechische Schulden, die in gut einem Jahr garantiert 10 000 Euro bringen werden, plus 3,9 Prozent Zins. Jetzt bin ich auch ein Gläubiger des griechischen Staates und damit endlich auf die Gewinnerseite gewechselt. Die Bundesregierung bürgt für meinen Gewinn.