Euro-Kurs : "Die Luft wird dünner"

Der Euro-Kurs hat sich erholt, doch Anleger sollten ihm nicht zu viel zutrauen.

von
Unter Beobachtung. Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, wirft ein Auge auf den Euro. Nach Griechenlandkrise und Bankenstresstests fordert er von allen Euro-Ländern stärkere Anstrengungen, ihre Haushalte zu sanieren.
Unter Beobachtung. Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, wirft ein Auge auf den Euro. Nach...Foto: AFP

Britische Ökonomen sprachen bereits von einem „finalen Todeskampf“, Kanzlerin Angela Merkel von einer Existenzkrise. Das war vor nicht einmal acht Wochen. Damals war der Euro nach einer schwindelerregenden Talfahrt von gut 1,50 auf knapp 1,19 Dollar und damit auf ein Vierjahrestief abgestürzt. Die griechische Staatspleite schien ausgemacht, Euro-Panik machte sich breit, man hortete Gold und verkaufte Aktien.

Doch es kam anders: Seit dem 6. Juni wurde der Euro um fast zwölf US-Cent oder knapp zehn Prozent aufgewertet. Die Marke von 1,30 Dollar wurde gerade geknackt. Die Gemeinschaftswährung hat damit mehr als ein Drittel jener Verluste, die sie seit dem Jahresende 2009 erlitten hatte, wieder gut gemacht. Ist die Euro-Krise damit überwunden?

Die meisten Fachleute bleiben skeptisch. Für eine endgültige Entwarnung in Sachen Euro sei es trotz der positiven Signale noch zu früh, urteilt etwa das Kieler Institut für Weltwirtschaft. Zwar habe der gewaltige Rettungsschirm von 750 Milliarden Euro, den die EU notfalls über finanzschwache Mitgliedsländer spannen will, für Vertrauen gesorgt. Doch könne die Schuldenkrise „wieder vom Glimmen in offenes Feuer umschlagen“.

Auch die meisten Bankanalysten gehen davon aus, dass die jüngste Rallye des Euro kurzfristig ins Stottern geraten könne. „Die Luft wird dünner“, glaubt Ulrich Leuchtmann, Leiter der Devisenstrategie bei der Commerzbank. Zwar könne der Euro „noch ein paar Cent steigen“. Gegen Jahresende erwartet Leuchtmann jedoch einen leicht niedrigeren Kurs als heute: „Der faire Wert des Euro liegt etwa zwischen 1,15 und 1,25 Dollar, unser Kursziel für Ende Dezember liegt bei 1,28 Dollar.“ Der Grund: Die Gewinne dürften nicht als Euro-Stärke, sondern als Dollar-Schwäche interpretiert werden. Denn nach drei sehr starken Quartalen kehre die US-Wirtschaft gerade zu normaler Wachstumsgeschwindigkeit zurück, volkswirtschaftliche Daten hätten zuletzt enttäuscht, was innerhalb eines Konjunkturzyklus aber völlig normal sei. Der Markt verkaufe jedoch Dollar aus Angst vor einem sogenannten „Double Dip“, einem zweiten Rückfall in die Rezession. Die Zukunft werde jedoch zeigen, glaubt Leuchtmann, dass die USA mit der Krise besser klargekommen seien, dass der flexiblere Arbeitsmarkt hilfreich und die Investitionsnachfrage stark sei. Dies werde Mitte 2011 zwangsläufig zu ersten Zinserhöhungen in den USA führen, glaubt der Devisenexperte der Commerzbank. Eine Folge sei, dass der Zinsvorteil des Euro abschmelzen werde.

Die jüngste Erholung des Euro hat Währungsgewinne für Anleger aus dem Euroraum wieder geschmälert. Denn wer im Herbst 2009 US-Aktien gekauft hat, hätte bis Anfang Juni wegen der Euro-Schwäche einen zusätzlichen Gewinn von maximal rund 26 Prozent erzielen können. Dies gilt natürlich auch für Rohstoffe, die meist in Dollar notiert sind, oder für Fonds, die im Dollarraum anlegen.

Ein Beispiel: Ein Anleger hat Ende November 2009 bei einem Euro-Dollar-Kurs von 1,51 insgesamt 10 000 Euro bzw. nach dem Umtausch gut 15 000 Dollar in ein Papier gesteckt, das in Aktien des Dow Jones investiert, also in die 30 größten börsennotierten Unternehmen der USA. Bis Anfang Juni 2010 hätte der Anleger wegen der unter dem Strich stagnierenden Aktien in Dollar zwar kein Plus erzielt. Beim Rücktausch in Euro sah es aber anders aus: Aus den 15 000 Dollar wurden rund 12 600 Euro – ein Gewinn von 2600 Euro. Da der Euro zuletzt wieder deutlich zulegen konnte, ist der Gewinn wieder auf 1500 Euro gefallen. Sollte der Euro weiter steigen, wäre dies also für Käufer von Dollar-Papieren ein Nachteil: Kauft ein Investor heute etwa eine Coca-Cola-Aktie und schwächelt der Dollar weiter, dann müsste er den prozentualen Wertverfall des Dollar von einem möglichen Kursgewinn abziehen.

Nach Meinung der meisten Devisenexperten müssen sich Anleger keine größeren Sorgen über Währungsverluste machen. Wie die Commerzbank sehen auch die meisten anderen Institute den Euro bei 1,30 bis 1,33 Dollar gedeckelt. Die Großbank BNP Paribas, die vor kurzem noch die Parität erwartet hatte (1 Euro = 1 Dollar), hat ihr Kursziel jedoch auf 1,20 Dollar im dritten und 1,15 Dollar im vierten Quartal korrigiert. Tritt dies ein, könnten Anleger von Dollar-Papieren erneut mit Währungsgewinnen rechnen.

Allerdings: An den Devisenmärkten werden geschätzte 4,1 Billionen Dollar pro Tag rund um den Globus katapultiert, das ist fast eine Billion mehr als 2007. Mit den Umsätzen sind auch die Schwankungen erheblich gestiegen, Achterbahnfahrten mit zehnprozentigem Auf und Ab sind keine Seltenheit mehr. Wer im Dollarraum investieren möchte, muss deshalb hohe Risiken einkalkulieren – oder Währungssicherungen einbauen. Eine Möglichkeit sind hier sogenannte Quanto-Zertifikate, die das Risiko gegen Gebühren von meist zwei bis fünf Prozent pro Jahr absichern. Häufig haben Anbieter ein Zertifikat in einer währungsgesicherten und einer normalen Variante im Programm. Nicht vergessen sollte der Anleger hier jedoch, dass Zertifikate – anders als Fonds – nicht gegen den Ausfall des Anbieters gesichert sind.

Wer den Euro langfristig schwächer sieht, kann auch auf Fremdwährungskonten setzen. Sie waren im ersten Halbjahr gefragt, sind meist nicht bis sehr gering verzinst und haben fast ausschließlich den Anstieg der Fremdwährung im Visier.

Übrigens: Auch reine Euro-Aktien sind in der globalisierten Welt von veränderten Währungsrelationen betroffen. So profitieren bei schwächerem Euro etwa Exporteure, die gegen Dollar verkaufen und damit höhere Umsätze in Euro erzielen (etwa Autofirmen), oder Unternehmen, die in Europa mit US-Konkurrenten um Aufträge ringen, wie Pharmafirmen oder Maschinenbauer. Schwächelt umgekehrt der Dollar, gefällt dies Unternehmen mit Produktionsstandorten im Dollarraum (etwa BASF) oder Konzernen, die sich über günstige Einkaufspreise für in Dollar gehandelte Rohstoffe freuen.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar