Wirtschaft : Euro: "Leute aus dem Volk wollte ich nicht malen"

Paul Kreiner

Die Aufregung um den Euro, sie hat sich für Robert Kalina längst gelegt, im Dezember 1996. Beim EU-Gipfel in Dublin erfuhr Kalina, er hatte gewonnen. Im Wettbewerb um die Gestaltung der Euro-Banknoten hatte Kalina 43 andere Graphiker aus dem Feld geschlagen: Nachdem die Entwürfe schon durch die Hände von zweitausend beifällig nickenden Test-Europäern gegangen waren, brauchte die 14köpfige Jury des Europäischen Währungsinstituts nur eine Stunde, um ihre Entscheidung zu treffen.

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TED: Der Euro kommt: bricht das Chaos aus? Kalina, gebürtiger Wiener, gerade 46 Jahre alt geworden und Vater von zwei Kindern, arbeitet bereits seit 1976 als einziger Banknoten-Designer bei der Österreichischen Nationalbank. Dass er dort hingeraten ist, sagt er, sei Zufall: "So was kann man nicht werden wollen." Ausgesucht, gefunden und unmittelbar von der Fachschule weggeholt hat ihn der damalige Graphiker der Nationalbank, der sich auf die Pension vorbereitete. "Der wollte halt einen ganz Jungen eigens zum Entwerfen der Geldscheine heranziehen, weil man dafür viele Spezialsachen beachten und können muss. Man braucht zum Entwerfen von Geldscheinen ein gewisses Naturell - Ruhe und Ausgeglichenheit. Man sitzt ja oft ein halbes Jahr über einer einzelnen Banknote." Was er eigentlich selber hätte werden wollen? "Na ja", sagt Kalina, "sicher wollte ich nicht in die Werbebranche gehen, nichts so Kurzlebiges erstellen, lieber Illustrationen machen, für medizinische Bücher vielleicht."

Nun zeichnet er - im wahrsten Sinne des Wortes - seit 1982 für sämtliche Schilling-Noten in Österreich verantwortlich: "Die ersten hab ich noch mit Pinsel und in Aquarell-Technik angelegt, die letzten, 1997, mit dem Computer." Die Erfahrungen mit den Euro-Scheinen, die waren dennoch neu für Kalina. "Das Hauptproblem", das sich jedem Graphiker bei Banknoten stelle - nämlich die vielen Vorgaben -, hatte sich im europäischen Rahmen noch vergrößert: Grundfarben, Größe, Sicherheitsmerkmale, alles war vorherbestimmt.

Und vor allem sollte sich ganz Europa in diesen Scheinen wiederfinden. Nationale Motive durften deshalb nicht optisch zitiert werden; dennoch sollte das Dargestellte den Europäern vertraut vorkommen. Kalina fand für dieses Problem eine ganz eigene Lösung. Anders als viele seiner Mitbewerber verzichtete er auf Porträts: "Die hätten anonym sein müssen. Prominente Europäer abbilden zu wollen und sie dabei unkenntlich zu machen, ist aber sinnlos." Und "Leute aus dem Volk", wie sie "manche Diktaturen auf die Rückseite ihrer Staatsführer drucken", die wollte Kalina nicht: "Dann hätte ich alle abbilden müssen - Blonde und Schwarze, Gelockte und Blauäugige. Dem wollte ich aus dem Weg gehen." Also wählte er europäische Architektur aus sieben Stilepochen - von der Romanik bis zur Moderne -, und stilisierte sie so, dass nicht die einzelnen Bögen oder Tore als solche identifizierbar sind, sondern deren Grundstruktur: "Was ich abgebildet habe, kann man überall in Europa finden." Für seine Brücken auf der Rückseite der Scheine hat Kalina sogar "einen Brückenbauingenieur und einen Kunsthistoriker zu Hilfe genommen".

Dass trotz der übernationalen Stilisierungen einzelne Länder dennoch meinten, sie seien zu kurz gekommen, zeigte sich schon bald: Auf die Rückseite der Euro-Noten hatte Kalina eine Europakarte gezeichnet, "ein bisschen naiv, ich wollte halt nur die Umrisse markieren, an denen jeder in der Welt den Kontinent sofort erkennt. Dann aber haben die Briten ihre Shetlandinseln vermisst, die Spanier ihre Kanaren. Es war etwas kindergartenartig." Ob am Ende auch, als Lösung des nächsten Streitfalls, die künftigen EU-Staaten Zypern und Malta auf die Scheine gekommen sind? "Auswendig weiß ich das jetzt gar nicht."

Kalina hat neben dem Design auch die Sicherheitsmerkmale in die Gestaltung der Scheine integriert und ist danach zwischen den zehn Nationalbanken hin- und hergefahren, um bei der Erstellung der Druckvorlagen dabei zu sein. Für die Banknoten-Graphiker der anderen Länder, Kalinas Konkurrenten im Wettbewerb, "war es natürlich eine undankbare Arbeit, einen fremden Entwurf umzusetzen". Vor allem wenn der Graphiker aus einem so kleinen Landes zum Zug gekommen ist? "Ja, ja", sagt Kalina und lächelt ein bisschen verlegen: "Bei der Zusammenarbeit mit Franzosen und Deutschen merkt man schon, dass mehr Wucht dahintersteckt." Die Europäische Union übrigens war sehr knauserig. Für die Euro-Entwürfe hat Kalina keinerlei Preisgeld bekommen, und auch die Verwertungsrechte hat er im Vorhinein unentgeltlich abtreten müssen.

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