Wirtschaft : Euro: Noch ist die Wende nicht geschafft (Kommentar)

Martina Ohm

Hat der Euro die Wende geschafft? Die jüngsten Konjunkturaussichten der OECD für den Euroraum - mehr Wachstum bei relativ stabilen Preisen und weniger Arbeitslosen - konnten der Gemeinschaftswährung jedenfalls einen bemerkenswerten Rückhalt verleihen. Langsam, aber sicher spricht sich herum, dass Europas Wirtschaft eine reelle Chance hat, im kommenden Jahr die amerikanische Konkurrenz in puncto Dynamik zu überrunden. Und ganz allmählich rückt in der Bewertung der Devisenhändler auch die Kehrseite des US-Wirtschaftswunders stärker in den Vordergrund: Der längste Boom in der Chronik der US-Wirtschaftsgeschichte, der dem Dollar seine auffällige Stärke verlieh, ist auf Pump finanziert. Das Leistungsbilanzdefizit der USA hat mittlerweile Rekordhöhen erklommen und die Sparquote sinkt gegen Null. Eine gefährliche Konstellation. Stärker als je zuvor ist die US-Volkswirtschaft auf Kapitalimporte angewiesen. Kippt die Stimmung, geraten die Kapitalzuströme ins Stocken, kommt es also zu der so genannten harten Landung, wird manch einer auf der Strecke bleiben. Für die Europäer und den Euro sähe die Rechnung entsprechend anders aus. Kurse von über einem Dollar und mehr wären womöglich die Folge - statt vom kränkelnden Euro wäre dann von der robusten Währung Europas die Rede, die endlich ihre Muskeln spielen lässt. Ob sich der Szenenwechsel aber tatsächlich so schnell vollzieht? Zweifel sind berechtigt. Es gibt Schwachstellen. So zählt der private Verbrauch - der Einbruch bei den deutschen Auto-Neuzulassungen beispielsweise zeigt das - nicht gerade zu den Antriebskräften des europäischen Aufschwungs, und die bisherige Euroschwäche birgt nach wie vor relative Preisrisiken. Schon in einer Woche dürfte die Europäische Zentralbank die Leitzinsen wieder erhöhen. Das stärkt zwar kurzfristig den Euro, doch Europas Konjunktur wird damit früher oder später ein Dämpfer versetzt.

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