Wirtschaft : Euro: Reif für die wirkliche Welt

mak/HB

Die europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitiker hoffen, dass morgen eine neue Phase der europäischen Integration beginnt. Sie erwarten, dass der Euro international an Boden gewinnt, wenn er in Form von Banknoten und Münzen eine Währung zum Anfassen ist. 300 Millionen Europäer in zwölf Ländern werden von Dienstag an in Euro rechnen.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Im Gegensatz zu den bisherigen europäischen Währungen repräsentiert der Euro einen wesentlich größeren Wirtschaftsraum. Damit verbinden die Ökonomen auch die Hoffnung, dass der Euro ähnlich wie der Dollar oder der Yen eine wichtigere Rolle als internationales Zahlungsmittel spielen wird. Zwar wird auf den Devisenmärkten der Welt schon seit dem 1. Januar 1999 in Euro gerechnet. Doch glauben die Geld- und Finanzpolitiker, dass erst die tatsächliche physische Existenz des Euro auch seine Bedeutung als Reserve- und internationale Währung steigern wird. Grafiken:
Anstieg der Verbraucherpreise
Preisvergleich in Euro-Ländern Im Januar 1999 meinten Skeptiker, dass es zu früh sei, um den Euro auch als reale Währung einzuführen. Sie sahen die im Vertrag von Maastricht vorgegebenen Konvergenzkriterien nicht in allen Teilnehmerstaaten erfüllt. Diese Kriterien regeln, wie hoch die Verschuldung der Länder sein darf, die am Euro teilnehmen wollen. Die Teilnehmerländer haben sich vertraglich verpflichtet, ihren Schuldenstand mittelfristig auf maximal sechzig Prozent ihrer Wirtschaftskraft, des Bruttoinlandsproduktes (BIP), zu begrenzen. Die Neuverschuldung darf drei Prozent des BIP nicht übersteigen. Diese Vereinbarungen wurden getroffen, um die neue Währung gegen Geldentwertung zu schützen. Eine hohe Staatsverschuldung ist inflationstreibend.

Geradezu vernichtende Kritik wurde damals in den USA laut. Larry Summers, damals stellvertretender US-Finanzminister, qualifizierte das Euro-Projekt ab als "Hirngespinst, das sich nie verwirklichen lassen wird". Für Alan Meltzer von der Carnegie Mellon Universität war "eine Währungsunion ohne politische Union nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern auch bar jeder ökonomischen Vernunft".

Trotz aller Skepsis: Im Schutz der nationalen Währungen, an die der Euro im festen Wechselkursverhältnis gebunden war, hat er es zumindest als Rechenwährung schon weit gebracht. Für seinen Beitrag zur europäischen Integration wird ihm der Karlspreis der Stadt Aachen für das Jahr 2002 verliehen. Auch in Zahlen lassen sich die Erfolge ausdrücken. So glänzt der Euro-Raum im historischen Vergleich mit niedrigen Inflationsraten. Da sich die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) strikt am Ziel der Preisstabilität orientiert, lag der Anstieg der Verbraucherpreise im Durchschnitt der Jahre 1999 bis 2001 bei 2,03 Prozent.

Im Vergleich dazu verlor die D-Mark von 1988 bis 1998 im Durchschnitt jedes Jahr 2,5 Prozent an Wert. Mittlerweile nähert sich die Inflationsrate nach einem Spitzenwert von 3,4 Prozent im Mai 2001 wieder der Zwei-Prozent-Marke, voraussichtlich wird sie zu Jahresbeginn sogar darunter fallen.

Auch andere Indikatoren sprechen für den Euro. Im Vergleich günstig sind etwa die Finanzierungsbedingungen im Euro-Raum. Die kurzfristigen Nominalzinsen lagen im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 1998 bei rund neun Prozent. Bei Nominalzinsen wird die Zinsrate nicht um die Inflation bereinigt. Seit Beginn der Währungsunion sind sie auf 3,9 Prozent gefallen. Bei den langfristigen Zinsen sieht es ähnlich aus: Sie betrugen im Schnitt der Jahre 1981 bis 1998 7,9 Prozent, in den letzten drei Jahren lagen sie nur noch bei durchschnittlich 5,1 Prozent. Noch deutlicher wird die Entwicklung bei den realen Zinsen, also den Sätzen nach Abzug der Preissteigerungsrate. Die kurzfristigen Realzinsen lagen von 1981 bis 1998 bei 4,6 Prozent. Seit Anfang 1999 bewegen sie sich zwischen 1,1 Prozent und 1,8 Prozent. Die langfristigen Realzinsen belaufen sich momentan auf 2,3 Prozent bis 3,0 Prozent, während sie im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 1998 noch bei 5,2 Prozent lagen.

Eine positive Wirkung hat die Gemeinschaftswährung auch auf die Konsolidierung der Staatsfinanzen im Euro-Raum. Niemand hätte erwartet, dass sich einmal zwölf Euro-Länder gemeinsam darum bemühen würden, einen Stabilitäts- und Wachstumspakt einzuhalten. Auf Grund der konjunkturellen Abschwächung werden sich in diesem Jahr die Haushaltspositionen im gesamten Euro-Raum zwar erstmals seit 1993 wieder verschlechtern. Im Durchschnitt dürften die Länder aber immer noch unter der Defizit-Grenze von drei Prozent bleiben.

Mit Preisstabilität, niedrigen Zinsen und im Wesentlichen soliden Staatsfinanzen sind in der Währungsunion wichtige Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum gegeben. Im Wechselkurs des Euro hat sich das allerdings noch nicht gezeigt. Zweifellos war der Kurs von 1,1747 Dollar, zu dem der Euro am 4. Januar 1999 erstmals gehandelt wurde, durch übertriebenen Optimismus an den Finanzmärkten überhöht. Die Gemeinschaftswährung hat aber bis Herbst vergangenen Jahres ständig an Außenwert verloren. Als der Euro-Wechselkurs im September 2000 unter 0,86 Dollar fiel, intervenierten die Zentralbanken. Seinen bisher tiefsten Stand erreichte er mit 0,8228 Dollar im Oktober 2000. Seit geraumer Zeit bewegt er sich um die 90 US-Cent.

Die Hoffnung, dass der Euro gegenüber dem Dollar aufholen würde, wenn sich das amerikanische Wirtschaftswachstum im Verhältnis zum europäischen abschwächen würde, wurde enttäuscht. Selbst jetzt, wo die Wachstumsperspektiven für den Euro-Raum für das kommende Jahr zum Teil besser eingeschätzt werden als für die US-Wirtschaft, profitiert der Euro nicht davon.

An Erklärungen dafür mangelt es nicht. Ein schlagendes Argument sind die seit Jahren andauernden Kapitalabflüsse aus dem Euro-Raum. In den ersten acht Monaten dieses Jahres beliefen sie sich bei Direktinvestitionen und Wertpapieranlagen auf insgesamt 81,2 Milliarden Euro. Trotz der aktuell ungünstigeren Konjunktur in den USA scheinen die Anleger das Investitionsklima und die Renditechancen dort günstiger einzuschätzen als im Euro-Raum. Ursache dafür sind die Strukturschwächen, die in vielen Euro-Ländern nach wie vor bestehen. Zum Bremsklotz für Europa hat sich vor allem Deutschland entwickelt.

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