Wirtschaft : Euro: So stark wie die Mark

Martina Ohm

Theo Waigel zitterten die Hände. "Ganz wohl war mir nicht, als ich den Vertrag von Maastricht unterzeichnet habe", gibt er zu. Viele Freunde machte sich der Ex-Bundesfinanzminister nicht. Ganze Heerscharen von Ökonomen warnten vor dem Euro. In unzähligen Horrorszenarien war von Inflation und Krise die Rede; vom Unglück für Europa. Die Währungshüter sah man schon am Gängelband der Politik. Und: Die wenigsten trauten den Südländern, Griechen oder gar Italienern eine Stabilitätspolitik nach deutschem Muster zu.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Zehn Jahre nach dem Gipfel von Maastricht spricht kein Mensch mehr vom südeuropäischen Schlendrian. Der Geist von Maastricht wirkt. Die Gemeinschaftswährung verhalf Europas Währungsclub zu einer ernst zu nehmenden Stabilitätskultur. Selbst Franzosen, über Jahrzehnte für ihre Politik des billigen Franc bekannt, schauen mittlerweile penibel auf die Teuerung - penibler als die deutschen Musterschüler.

Drei Jahre nach der Einführung des Euro als Buchgeld ist klar: Seine erste Bewährungsprobe hat er bestanden. Trotz vorübergehender Verdreifachung der Ölpreise, trotz preistreibender Maul- und Klauenseuche, trotz BSE und Euro-Schwäche stieg die Inflation seit 1999 im Währungsclub nicht über 3,4 Prozent. Im Schnitt lag die Teuerung nur bei 2,1 Prozent - geringfügig über dem Stabilitätsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent. So glimpflich sind die Deutschen nach den beiden Ölpreisschocks in den 70er und 80er Jahren nicht davon gekommen. Damals erreichte die Teuerung in der Spitze sieben Prozent.

Europas neue Währung muss den Vergleich mit der D-Mark nicht scheuen. Noch nie in den vergangenen 100 Jahren war das Preisniveau in Deutschland so stabil wie seit der Einführung des Euro, sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo-und Vereinsbank. Selbst Manfred Neumann vom Institut für Internationale Wirtschaftspolitik in Bonn, einer der prominenten deutschen Euro-Skeptiker, outet sich mittlerweile als Befürworter der Gemeinschaftswährung: "Der Binnenwert stimmt." Und damit das entscheidende Kriterium für Europas Zentralbanker.

Noch fehlt ein Fed-Bonus

Doch ganz so problemlos, wie es manch ein Ökonom nun glauben machen will, sind die drei Probejahre des Euro freilich nicht verlaufen. Mehrfach unterliefen den Europäischen Währungshütern Fehler. Bis heute gibt es Mängel in der Kommunikationspolitik und in der Außendarstellung.

Präsident Wim Duisenberg, erprobt in Wirtschaft und Politik, ließ es überraschenderweise an Fingerspitzengefühl fehlen. Für seinen Ausspruch "Ein Euro ist ein Euro" wurde er von den Devisenhändlern gnadenlos abgestraft. Zwar muss Duisenberg der Außenwert des Euro nach den Buchstaben des Gesetzes nur unter Stabilitätsgesichtspunkten interessieren. So führt ein zehnprozentiger Kursrückgang nach Berechnung der OECD mit der Zeit zu einem 0,7 prozentigen Preisschub bei Importwaren. Doch wie die USA repräsentiert mittlerweile auch der europäische Währungsraum ein Viertel der globalen Wirtschaftskraft. Zur Schau gestellte Souveränität kann von daher schnell als Ignoranz verstanden werden. Auch offenherzige Aussagen zur Interventionsstrategie der Zentralbank, wie sie sich Duisenberg im Herbst 2000 leistete, kommen nicht an. Misstrauisch schickten die Spekulanten die Gemeinschaftswährung erneut auf Talfahrt. Die teils verunglückten Auftritte der Währungshüter haben Spuren hinterlassen: Dem Euro fehlt das, was dem Dollar permanent den Rücken stärkt: Der Notenbank-Bonus.

Das allein erklärt aber noch nicht, warum bisher lediglich 13 Prozent der internationalen Währungsreserven in Euro gehalten werden und die Gemeinschaftswährung nicht stärker von der miserablen Lage in den USA profitiert. Die konjunkturelle Situation in den Staaten könnte kaum schwieriger sein. Und vieles spricht für Europas Währung: Erstmals seit zehn Jahren übertrifft das Wachstum in Europa das der Amerikaner. Erstmals seit sieben Jahren gibt es in Europa mehr Zinsen für das Geld als in den USA. Und während die Amerikaner zum Ausgleich der Leistungsbilanz Tag für Tag rund zehn Milliarden Dollar aus dem Ausland benötigen, sind die Europäer in dieser Hinsicht vollkommen autark.

Es nutzt nichts: Von der Parität zum Dollar ist der Euro weit entfernt. Seit Monaten dümpelt der Außenwert um die 90 Cent. Kein Mensch, sagt Joachim Scheide, Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik beim Kieler Institut für Weltwirtschaft, kann seriös Gründe darlegen, warum der Außenwert der Gemeinschaftswährung nicht steigt. Erklärungsmodelle aber gibt es durchaus. Das gängigste: Der US-amerikanischen Leitwährung wird schlicht mehr zugetraut als Europas Newcomer. Devisenhändler haben mehr Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft und das Weiße Haus als in die noch unkoordinierte Politik der zwölf Euro-Länder. Reformstau in der Arbeitsmarkt- und Finanzpolitik lautet die Diagnose. Vor allem die drei Schwergewichte Deutschland, Frankreich und Italien blockieren auf diese Weise notwendige Wachstumskräfte.

Immerhin, der Stabilitätspakt diszipliniert. Ohne das Korsett, das dem Projekt Euro weitsichtig verpasst wurde, würde die Haushaltspolitik der Europäer womöglich ganz massiv aus dem Ruder laufen. Dabei sind die Finanzpolitiker gut beraten, nicht auf Kollisionskurs mit der Geldpolitik zu gehen und - wie Anfang der 90er Jahre in Deutschland - durch eine zu laxe Haushaltspolitik eine neue Hochzinsphase zu provozieren. Auf Dauer zahlt sich der Konsolidierungskurs für Europas Volkswirtschaft aus, ist auch Thomas Mayer, Chefvolkswirt von Goldman Sachs in Frankfurt, überzeugt.

Warten auf Europas Stimme

Der Euro also eine reine Erfolgsstory? Nicht ganz. Die nächste Bewährungsprobe steht an. Richard Portes, Gründer und Leiter des Londoner Centre for Economic Policy Research, lenkt den Blick auf ein entscheidendes Manko: Dem Euro fehlt ein Wortführer. Es gibt "keinen erkennbaren Willen, sich einzumischen und Politik aktiv zu gestalten", sagt Portes. "Die Stimme der Europäer ist einfach nicht zu hören." So lange sich daran nichts ändert, mag Europas neue Währung stabil sein. Internationale Reputation gewinnt der Euro so nicht.

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