Wirtschaft : Euro steigt auf höchsten Kurs seit fast 15 Monaten

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Berlin (hop). Am Donnerstag hat der Euro gegenüber dem Dollar weiter zugelegt und schließlich sogar die Marke von 94 US-Cent übersprungen. Damit ist die europäische Gemeinschaftswährung so wertvoll wie seit etwa 15 Monaten nicht mehr. Am Nachmittag meldete die EU-Statistikbehörde Eurostat zwar, die Wirtschaft in der Euro-Zone sei im ersten Quartal 2002 nur um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und um 0,2 Prozent gegenüber dem letzten Quartal 2001 gewachsen. Und die EU–Kommission zeigte sich pessimistisch für das zweite Quartal. Doch das konnte den Höhenflug des Euro nicht stoppen. Er hielt sich weiter im Plus. Volkswirte rechnen allerdings nicht damit, dass die Stärkephase lange anhalten wird.

Schon in den nächsten Monaten könnte der Eurokurs wieder bröckeln, sagte Udo Ludwig, Leiter der Konjunkturabteilung des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), dem Tagesspiegel. „Aus volkswirtschaftlicher Sicht gibt es für den Anstieg keinen Grund.“ Die aktuelle Entwicklung unterstützt die Sicht. Denn die Konjunkturdaten für die zwölf Staaten der europäischen Währungsunion zeigen zwar, dass hier der Abschwung des vergangenen Jahres überwunden wurde. Doch ist die US-Wirtschaft im ersten Quartal 2002 wesentlich dynamischer gewachsen. Und das wird sich wahrscheinlich weiter verstärken, denn die EU-Kommission schraubte ihre Prognose für das zweite Quartal wieder zurück und rechnet jetzt nur noch mit einem Wachstum von 0,3 bis 0,6 Prozent gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres. Erst im dritten Quartal werde die Konjunktur deutlich stärker anziehen und um bis zu einem Prozent zulegen.

2001 schlechter als angenommen

Neben den schwachen Prognosen musste Eurostat am Donnerstag auch die Zahlen für das letzte Quartal 2001 nach unten korrigieren. Danach schrumpfte die Wirtschaft im Euroraum um 0,3 Prozent – und nicht wie bisher angenommen um 0,2 Prozent.

Der gestiegene Eurokurs könnte nun in diesem Jahr die wirtschaftliche Erholung etwas dämpfen. Vor allem Exporteure würden darunter leiden. „Das würde ich aber nicht überbewerten“, sagte Ludwig vom IWH. Der größte Teil des Handels finde ohnehin innerhalb des Euroraums statt.

„Die starke US-Konjunktur ist eigentlich ein Argument dafür, dass der Dollar gestärkt wird“, sagte Ludwig vom IWH. Im Juli werden die Daten für die US-Konjunktur im zweiten Quartal des laufenden Jahres veröffentlicht. Wenn die amerikanische Wirtschaft das Wachstumstempo der ersten drei Monate durchhält, dann würde der Euro wieder unter Druck geraten. „Der Aufwärtstrend wäre gebrochen, der Euro würde auf etwa 90 US-Cent zurückfallen“, sagt Ludwig. Einen erneuten Sturz auf ein Niveau von rund 80 Cent hält Ludwig allerdings nicht für wahrscheinlich.

Etwas optimistischer ist Heinrich Engelke, Leiter Konjunktur- und Länderanalysen bei der Bankgesellschaft Berlin. Sollte der Euro den Sprung über 94 Cent schaffen, könnte er weiter steigen. „Das Tempo deutet auf eine Trendwende hin“, sagte Engelke dem Tagesspiegel. Auch die Euro-Dollar-Parität sei in diesem Jahr noch möglich. Das hänge allerdings davon ab, ob der Pessimismus gegenüber den USA weiter anhalte. „Die Konjunkturdaten aus den USA sind eigentlich nicht so schlecht, wie vom Markt angenommen.“ Gleichzeitig seien die Zahlen aus Euroland nicht besonders gut.

Im Moment stehe die Unternehmensseite im Vordergrund. „Das Vertrauen in die USA ist durch die Skandale um Enron und Merrill Lynch angeknackst“, sagte Engelke. Die USA sind aus seiner Sicht jedoch weiter die wirtschaftlich stärkere Region. Auch im kommenden Jahr werde die amerikanische Wirtschaft wahrscheinlich stärker wachsen als die europäische. Die Bankgesellschaft prognostiziert für die USA 3,5 Prozent, für den Euroraum jedoch nur 2,8 Prozent. Engelke hält daher zum Jahreswechsel einen Rückschlag für den Eurokurs für möglich.

Sowohl Ludwig als auch Engelke sind sich allerdings in einem Punkt einig: Der Eurokurs sei vor allem von Stimmungen abhängig. Allein aus volkswirtschaftlicher Sicht sei ein Wechselkurs von eins zu eins durchaus angemessen. Denn auch, wenn die wirtschaftliche Entwicklung in den USA und Europa zurzeit deutlich auseinanderklaffe, so näherten sich die beiden Regionen bei Zinsen, Wachstum und Inflation langfristig immer näher an.

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