Wirtschaft : Euro: "Was uns am meisten fehlt, sind Vertrauen und Zuversicht"

Herr Welteke[die Konjunkturflaute begleitet uns i]

Ernst Welteke (59) ist Volkswirt und seit 1965 SPD-Mitglied. In den 90er Jahren war er Wirtschafts- und Finanzminister in Hessen. 1995 wurde er zum Chef der hessischen Landeszentralbank ernannt. 1999 löste Welteke Hans Tietmeyer als Präsident der Deutschen Bundesbank ab. In dieser Funktion gehört er auch dem EZB-Zentralbankrat an.

Herr Welteke, die Konjunkturflaute begleitet uns ins neue Jahr. Kann uns der Euro helfen?

Mit dem Euro ist ein Raum hoher Preisstabilität geschaffen worden. Durch das günstige Finanzierungsumfeld, die niedrigen Langfristzinsen und eine ausreichende Liquidität hat die europäische Geldpolitik die Voraussetzungen für Investitionen und Wachstum geschaffen. Was uns aber zurzeit am meisten fehlt, ist Vertrauen und Zuversicht. Dieses gewinnt man nur mit einer klaren Reformorientierung der Wirtschaftspolitik.

Faktisch gibt es den Euro schon seit drei Jahren. Welche Bilanz ziehen Sie?

Eine positive. Wir haben Preisstabilität für über 300 Millionen Menschen erreicht. Das hat es in Europa noch nie gegeben.

Wird die neue Währung so stabil wie die D-Mark?

Der Euro knüpft nahtlos an das hohe stabilitätspolitische Erbe der D-Mark an. Die vorrangige Aufgabe, für Preisstabilität im Euroraum zu sorgen, ist das gesetzliche Mandat des Europäischen Zentralbankrates. Das Preisniveau im Euro-Währungsraum verzeichnete 1999 einen Zuwachs von nur 1,1 Prozent und 2000 von 2,4 Prozent. In diesem Jahr dürfte die Inflationsrate wieder unter die Zwei-Prozent-Marke fallen. Der von der Ölpreis- und Ernährungskrise verursachte Preisbuckel hat sich wieder zurückgebildet. Auch das zeigt: Das Eurosystem ist von Beginn ein Erfolg. Es sorgt für stabile Preise.

Skeptiker befürchten, dass es bei der Bar- geld-Einführung noch Probleme geben wird. Etwa, dass den Automaten das Geld ausgeht oder den Einzelhändlern Euro-Wechselgeld in der Kasse fehlt. Kann das passieren?

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung glaubt nicht an Komplikationen. Und das zu Recht. Wir haben alle Vorkehrungen getroffen, dass der Euro flächendeckend verfügbar ist.

Helmut Schmidt sagt, spätestens im März werden sich die Ängste und Sorgen gelegt haben. Der Euro sei dann ein ganz normales Zahlungsmittel; genauso wie es die D-Mark war. Sehen Sie das auch so?

Der Euro war bereits vor dem Jahreswechsel in vielen Bereichen der Wirtschaft fest etabliert. Viele Unternehmen haben ihre Buchführung frühzeitig auf Euro umgestellt. Börsennotierungen erfolgen seit 1999 nur noch in Euro. Und selbst die Bürger konnten die neue Währung schon vor Neujahr in den Händen halten. Ängste gegenüber der neuen Währung sind also unbegründet. Der Euro wird ein neues erfolgreiches Kapitel der Währungsgeschichte in Deutschland aufschlagen.

Jeden Tag wird den Deutschen vorgerechnet, wie schwach der Euro gegenüber dem Dollar ist. Was sagen Sie dazu?

Ich kann immer wieder nur darauf hinweisen, dass das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) in den letzten drei Jahren trotz ungünstiger äußerer Bedingungen erfolgreich für stabile Preise gesorgt hat. Das ist wichtig für den Bundesbürger.

Immer wieder hört man, dass der Euro die Preise treibt, weil der Handel beim Umrech- nen aufrundet. Ist das ein Problem?

Auch Euro-Preise sind das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Der Wettbewerb wird letztlich entscheiden, ob Preiserhöhungen durchsetzbar sind oder nicht. Die Statistik über die Lebenshaltungskosten zeigt jedenfalls einen rückläufigen Preisanstieg. Die Aufmerksamkeit des Verbrauchers ist bei Preisveränderungen aber auf jeden Fall gefordert. Gegebenenfalls muss er auf andere Produkte oder Anbieter ausweichen. Gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt beobachtet die Bundesbank die Preisbewegungen von wichtigen Konsumgütern während der Umstellungsphase auf den Euro sorgfältig. Insgesamt kann derzeit noch kein abschließendes Urteil über die Preisveränderungen im Zusammenhang mit der Umstellung der Preise gefällt werden.

Sind die Deutschen vielleicht deshalb noch so skeptisch, weil sie zu wenig über den Euro wissen?

Die Bundesbank hat ebenso wie die Bundesregierung, die EU-Kommission und andere Institutionen erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Bürger und Unternehmen in Deutschland mit den Einzelheiten des Bargeldumtausches vertraut zu machen. Dies wird honoriert: Nach jüngsten Umfragen fühlt sich zum Jahreswechsel die große Mehrheit, immerhin rund 75 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, ausreichend über den Euro informiert.

Was bedeutet der Euro für die Identität Europas?

Der Euro wird den europäischen Binnenmarkt vollenden, dem innereuropäischen Wettbewerb eine neue Dynamik verleihen und die Preistransparenz erhöhen. Und für jeden Bürger im Euroraum wird durch den täglichen Umgang mit dem Euro-Bargeld das Zusammenwachsen Europas konkret erlebbar. Der Euro entfaltet direkt eine identitätsstiftende Wirkung und kann als Katalysator im weiteren europäischen Integrationsprozess dienen.

Bei zwölf Ländern im Euroraum wird es nicht bleiben. Es werden auch neue Länder der Europäischen Union beitreten und Mitglied im Euro-Club werden wollen. Wird das den Euro eher schwächen oder stärken?

Tore und Brücken auf den Euro-Banknoten symbolisieren Offenheit und Zusammenarbeit in Europa. Die Europäische Union steht grundsätzlich allen Staaten in Europa offen, die die Beitrittskriterien erfüllen. Ein Beitritt zur Eurozone bildet den Abschluss eines langen und sorgfältig abgestimmten Integrationsprozesses. Die Übernahme des Euro setzt einen hohen Grad dauerhafter Konvergenz und die Erfüllung der Konvergenzkriterien voraus. Dazu zählt auch die spannungsfreie Teilnahme am europäischen Wechselkursmechanismus über mindestens zwei Jahre. Unter Beachtung dieser Voraussetzungen werden die EU und der Euro von der Erweiterung profitieren.

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