Wirtschaft : Euro-Zentralbank setzt sich gegen die Kritiker zur Wehr

FRANKFURT (MAIN) (mak/HB). Mit ungewohnter Schärfe hat Otmar Issing, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), zu wissenschaftlichen Beiträgen zur Politik der EZB Stellung genommen. Wer Kritik üben wolle, müsse sich fragen, wie sein Rat zur Geldpolitik dann ausfallen würde, wenn er für die Umsetzung der Politik verantwortlich wäre und die gleichen Aspekte in Erwägung ziehen müßte wie die Notenbank, die "real time" und in Ungewißheit über die Abläufe in der Wirtschaft handeln müsse, sagte Issing bei einer Veranstaltung in Frankfurt.

Das Center for Financial Studies hatte die sogenannten "ECB Watchers" - das sind Gruppen europäischer Wissenschaftler, die die Arbeit der EZB kritisch begleiten - zu einem zweitägigen Gedankenaustausch mit Ökonomen aus der EZB gebeten. Issing, der vor seiner Berufung zum Notenbanker selbst der wissenschaftlichen Szene angehörte und auch heute noch mit Beiträgen immer wieder beweist, daß er seinen Platz dort nie aufgegeben hat, führte dem Auditorium das ganze Spektrum der Unsicherheiten vor Augen, unter denen die EZB ihre Entscheidungen treffen muß. Aufgrund des Zusammenschlusses von elf verschiedenen Ländern in einer Währungsunion gingen die Unwägbarkeiten weit über das hinaus, womit eine Notenbank normalerweise konfrontiert sei, sagte er. Für ihre Entscheidungen seien die Notenbanker verantwortlich. Sie könnten nicht, wie die Wissenschaftler, einfach wieder von vorne beginnen, wenn ein Experiment fehlschlage. Von Fehlentscheidungen und -handlungen der Notenbanker seien im Zweifel Millionen von Menschen materiell berührt.

Issing relativierte den Wert der Beiträge der ECB Watchers für die praktische Arbeit der EZB, indem er aufzeigte, daß die einzelnen Gruppen von ganz unterschiedlichen Annahmen, etwa zur Rolle des Geldes, ausgehen und unterschiedliche Empfehlungen zur geldpolitischen Strategie der EZB geben. Vor diesem Hintergrund kämen sie dann auch zu verschiedenen Anforderungen an die Transparenz der EZB. Das bringe diese in ein Dilemma. Folge sie dem einen Konzept, werde sie dem anderen nicht gerecht und umgekehrt.

Ein Teil des angeblichen Transparenzmangels der EZB erkläre sich also allein schon daraus, daß die Beobachter von unterschiedlichen Modellen der Wirtschaft ausgingen. Daß ein Notenbanker unter den gegebenen Bedingungen verantworten könne, die Geldpolitik an einer einfachen Regel auszurichten, sei schwer vorstellbar.

Entschieden wies Issing die Vermutung zurück, daß die Eurobank aus strategischen Gründen Informationen zurückhalte, etwa um die Märkte zu überraschen. "Für die EZB könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein", sagte Issing. Es sei eines der Hauptanliegen der Notenbank, das an den Märkten ohnehin vorhandene hohe Maß an Unsicherheit nicht noch zu vergrößern.

Issing appellierte an die Wissenschaftler, ihre Rolle als ECB Watcher zu überdenken. Wenn sie sich als eine Art Schattenkomitee zu den Notenbankern etablieren wollten, müßten sie sich darüber im klaren sein, daß ihre Äußerungen möglicherweise die Reaktionen der Finanzmärkte auf geldpolitische Entscheidungen der EZB beeinflussen. Vielleicht sei das ein Grund, Äußerungen zur Geldpolitik sorgfältiger abzuwägen.

Manfred Neumann, Professor an der Universität Bonn und Mitglied des vom Zentrum für Europäische Integrationsforschung initiierten "EMU Monitors", stimmte Issing überwiegend zu. Er verstehe, daß Notenbanker unter den gegebenen Unsicherheiten ein geldpolitisches Konzept bevorzugten, das alle Möglichkeiten der Entwicklung berücksichtige. Gleichwohl brauche die Öffentlichkeit eine Orientierung. Da die EZB Glaubwürdigkeit aufbauen müsse, sei es problematisch, daß die Öffentlichkeit nicht wisse, wie das Konzept der EZB genau aussieht und wie die Zinssenkung vom 8. April dazu paßt. "Wäre es nicht besser, wenn die EZB ein einfaches, klares Konzept hätte, das im Fall eines Strukturbruches leicht angepaßt werden kann?", gab Neumann zu bedenken. Bei allen Unterschieden, die Issing zwischen den einzelnen Gruppen der ECB Watcher aufgezeigt habe, hätten diese doch eines gemeinsam: Sie forderten alle eine klare Regel für die europäische Geldpolitik. Außerdem könne niemand erwarten, daß die EZB Watchers die Eurobank nur verteidigten, wenn sie nicht einmal nach einer zusätzlichen Begründung für den jüngsten Zinsbeschluß fragen dürften.

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