Wirtschaft : Europa bekommt eine neue Großbank

Crédit Lyonnais akzeptiert nach Übernahmekampf Angebot von Crédit Agricole/Commerzbank und Allianz verkaufen Anteile

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Paris (abo/HB/dpa). In Frankreich entsteht eine der größten Banken Europas: Die genossenschaftliche Finanzgruppe Crédit Agricole legte ein „abgesprochenes und freundliches" 20Milliarden-Euro-Übernahmeangebot für Crédit Lyonnais (CL) vor, wie die Bankenchefs René Carron (CA) und Jean Peyrelevade (CL) am Montag in Paris mitteilten. Der neue Gigant hätte 22 Millionen Kunden und einen Börsenwert von mehr als 33 Milliarden Euro. Crédit Agricole erklärte, vier große Anteilseigner mit insgesamt 21,3 Prozent des CL-Kapitals, darunter die Commerzbank, hätten das Angebot bereits angenommen. Mit der eigenen 17,8-Prozent-Beteiligung braucht CA noch gut elf Prozent, um die Kontrolle zu erlangen. Sein Rivale BNP Paribas, der die Übernahmeschlacht Ende November mit der Ersteigerung des Staatsanteils an der CL eingeleitet hatte, schloss eine Gegenofferte zunächst nicht aus.

CA-Chef Carron will mit der Fusion ab 2006 jährlich 760 Millionen Euro einsparen, vor allem beim Investmentbanking. Das Privatkundengeschäft in den zusammen 9200 Filialen soll dagegen getrennt weiter laufen. Crédit Agricole ist vor allem im ländlichen Raum vertreten, Crédit Lyonnais in den Städten. Gut 4000 Arbeitsplätze sollen durch Fluktuationabgebaut werden. Der Bankenriese würde 28 Prozent des lukrativen französischen Privatkundenmarktes kontrollieren und wäre dem Börsenwert nach die Nummer sieben in der Euro-Zone.

Crédit Agricole will bis Februar alle Aktien von Crédit Lyonnais einsammeln. Dies sagte Carron bei der Präsentation des Projekts am Montag in Paris. Carron: „Unser Angebot ist auch gut für die Aktionäre, und wir rechnen damit, dass uns auch BNP Paribas ihr Paket verkauft.“

Attraktives Angebot

Crédit Agricole bietet je Crédit-Lyonnais-Aktie 56 Euro in bar und in eigenen Aktien. Das ist eine Prämie von fast 44 Prozent auf den Kurs am 22. November 2002, also vor Ersteigerung des restlichen Staatsanteils an Crédit Lyonnais. Der Preis liegt aber unter jenem von 58 Euro, den der Rivale in dem Übernahmekampf, BNP Paribas, für das Staatspaket an der Bank bezahlt hatte. Der Staat hatte den Machtkampf Ende November durch eine spektakuläre Auktion für seinen verbliebenen Crédit-Lyonnais-Anteil von 10,9 Prozent ausgelöst, den er für 2,2 Milliarden Euro an BNP Paribas abgab. Crédit Lyonnais hat eine skandalgeschüttelte Vergangenheit als frühere Staatsbank. Damals war sie knapp am Zusammenbruch vorbeigeschrammt und konnte nur durch 15 Milliarden Euro Steuergelder gerettet werden.

Crédit Agricole finanziert ihr Gebot durch bis zu 8,7 Milliarden Euro Kredite, die von ihren genossenschaftlichen Regionalkassen garantiert werden. Diese beteiligen sich direkt mit einer Milliarde Euro an dem Baranteil der Offerte. Außerdem ist eine Kapitalerhöhung von 2,2 Milliarden Euro geplant.

Die Aktionäre von Crédit Lyonnais, zu denen die Commerzbank und Allianz/AGF gehören, wollen Carron zufolge ihre Pakete gegen Anteile an der Agrarbank eintauschen. „Sie haben am Sonntagabend eine entsprechende Verpflichtung unterschrieben“, sagte Jean Laurent von Crédit Agricole. Doch räumte er auf Nachfrage ein, dass diese Unterschrift nicht im Falle eines Gegengebotes gilt. Ein französischer Banker sagte, es sei nicht auszuschließen, dass BNP-Chef Pébereau den Zuspruch für die Offerte abwarte und Crédit Agricole Anfang des Jahres zu überbieten versuche. Angesichts der hohen regulatorischen Hürden für Bankübernahmen in Frankreich sei dies aber nicht sehr wahrscheinlich. „BNP Paribas wird sich jetzt wohl einen anderen Partner suchen“, meinte auch ein Analyst des Brokers Aurel Leven.

Übernimmt Crédit Agricole den Crédit Lyonnais soll das Investmentbanking beider Häuser zusammengelegt werden. Gewerkschaften forderten am Montag „soziale Garantien“ für die Beschäftigten. Der neue französische Bankgigant soll von René Carron als Verwaltungsratschef und Jean Laurent als Vorstandschef geführt werden; der Crédit-Lyonnais-Vorstandschef Jean Peyrelevade soll Laurents Stellvertreter werden.

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