Wirtschaft : Europa kassiert die Dividende der Stabilität

THOMAS GACK

BRÜSSEL .Druck muß mit Gegendruck beantwortet werden, meinte wohl der Präsident von Eurofer, Ekkehard Schulz.Der Deutsche, der dem Verband der europäischen Stahlindustrie vorsteht, ließ sich deshalb vergangene Woche in Brüssel bei EU-Außenhandelskommissar Sir Leon Brittan anmelden.Als eine Art Cheflobbyist der europäischen Stahlkocher klagte Schulz über die immer weiter steigende Welle von billigem Stahl, die aus den asiatischen Krisenregionen, aus Japan, Taiwan, Indonesien und Südkorea, den europäischen Binnenmarkt überschwemme und den Wettbewerb verzerre.

Mit seiner Klage gegen die Niedrigst-Preise der asiatischen Konkurrenz reagierte der Eurofer-Präsident gleichsam spiegelbildlich auf die Anti-Dumping-Klagen der amerikanischen Stahlindustrie, die ihre Regierung in Washington unter Druck setzt, den eigenen Markt zu schützen und die Europäer zu zwingen, den EU-Binnenmarkt mehr für die billige Importflut aus Asien zu öffnen.Doch die Ausläufer der Asien-Krise sind in der Europäischen Union längst angekommen - zumindest in einigen Branchen wie der Stahlindustrie.Die Abwertung der asiatischen Währungen hat die Exporte dieser Länder radikal verbilligt.Da der Markt der Krisenregionen aber gleichzeitig weniger Stahl aufnehmen kann, da die USA zudem immer mehr die Zugbrücke hochziehen, werden die Billigprodukte auf den europäischen Markt umgeleitet.

Dennoch hat die Wirtschaft der EU bisher den Anfechtungen aus Asien, Rußland und Lateinamerika überraschend gut standgehalten."Wir haben überhaupt keinen Grund zur Panik", meint der Präsident der EU- Kommission, Jacques Santer."Die Folgen der Krisen für die EU sind begrenzt und überschaubar".Die Wirtschaftsexperten in Brüssel, die Bundesbank und die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt sowie die unabhängigen Institute sind sich einig: Die Grunddaten der Wirtschaft in der EU sind solide.Es gebe in der Euro-Zone der elf Staaten, die am 1.Januar 1999 in die Wirtschafts- und Währungsunion starten, weit und breit keine Zeichen von Inflation oder Deflation, meinen sie übereinstimmend."Die Euro-11-Zone scheint wie ein Leuchtturm in der tobenden See der Währungs- und Finanzturbulenzen", stellt die finanzpolitische Sprecherin der Sozialdemokraten im Straßburger Europaparlament geradezu euphorisch fest.

Noch vor etwas mehr als drei Jahren hat die Finanzkrise in Mexiko in Europa zu gefährlichen Wechselkursturbulenzen geführt, die ein Prozent Wachstum und 1,5 Millionen Arbeitsplätze kosteten.Heute dagegen rechnet man in Brüssel zwar damit, daß die Exporte als Folge der weltwirtschaftlichen Verwerfungen etwas zurückgehen und damit den Konjunkturaufschwung bremsen werden, die Binnennachfrage in der EU aber so stark sein wird, daß es unterm Strich in der EU lediglich zu einer moderaten Wachstumsverlangsamung kommen wird.

Daß die Europäische Union bisher wie ein Fels in der Brandung den Krisen in Asien, Rußland und Lateinamerika widerstanden hat und die Bremsspur der Rezession in Asien in Europa vermutlich deutlich schmaler sein wird als in den USA, hat zweifellos mehrere Gründe.Die entscheidende Voraussetzung für die erstaunliche Krisenresistenz der EU haben die 15 Staats- und Regierungschefs im Mai dieses Jahres geschaffen, als sie die Wechselkurse der elf Euro-Länder vorzeitig festzurrten und damit der internationalen Spekulation den Wind aus den Segel nahmen.Die Gefahr ist seither gebannt, daß innerhalb der Union wilde Wechselkursschwankungen die Krise verstärken.

Geschützt vom Vertrauensvorschuß des Euro konnten die Europäer aber nicht nur die Dividenden ihrer Stabilitätspolitik kassieren.Sie ernten auch die Früchte des großen EU-Binnenmarkts, der durch den Euro erst richtig vollendet wird.Der große europäische Heimatmarkt hat die EU nämlich weitgehend unabhängig von den Exportmärkten gemacht.Die Außenverflechtung der EU-Wirtschaft beträgt nur noch kapp zehn Prozent des BIP - die EU weist damit ähnlich günstige Außenhandelsdaten auf wie die USA.Gerade der Exportchampion Deutschland profitiert von der Sicherheit eines großen europäischen Heimatmarktes.Denn zwei Drittel ihres Handels wickelt die deutsche Wirtschaft jetzt mit den EU-Partnern ab - ohne jegliche Wechselkursrisiken.Die dennoch erwarteten Verluste mit der Welt außerhalb der "Festung Europa" halten sich zudem in Grenzen.Denn der Anteil Rußlands, Lateinamerikas und selbst Asiens am EU-Außenhandel ist so gering, daß die Wirtschaft die Einbußen ohne allzugroße Probleme verkraften kann.

Für die Brüsseler Wirtschaftsexperten sind die Attacken des neuen Bundesfinanzministers auf die Unabhängigkeit von Bundesbank und Europäischer Zentralbank weit mehr Anlaß zur Beunruhigung.Sie warnen vor der Aushöhlung der bisher so erfolgreichen gemeinsamen Stabilitätspolitik und der Rückkehr zur Keynesianischen Nachfragepolitik."Wenn es tatsächlich zu diesem Kurswechsel kommen sollte, dann wird wieder einmal das Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkauft", meint ein hoher EU-Wirtschaftsanalytiker in Brüssel bitter."Wir fürchten nicht die Krise in Rußland - wir fürchten Oskar Lafontaine".

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