Wirtschaft : Europa und das neue Jugoslawien: Der Wiederaufbau dauert Jahrzehnte

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Die jugoslawische Wirtschaft wird durch den Sieg der Demokratiebewegung belebt, benötigt aber internationale Hilfe. Das sagte Michael Harms vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft dem Tagesspiegel. Deutsche Firmen würden profitieren, weil Deutschland der wichtigste Handelspartner Jugoslawiens sei. Der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) schätzt, dass deutsche Unternehmen zurzeit über ein Auftragsvolumen von rund vier Milliarden Mark verhandeln.

Jugoslawien hat einen Investitionsbedarf in Milliardenhöhe. "Marode Fabrikanlagen und eine verschlissene Infrastruktur dominieren zurzeit", sagte Michael Harms auf Anfrage. Deutsche Unternehmen hätten sich darauf vorbereitet. So war unter anderem Siemens auch während der internationalen Sanktionen in Jugoslawien präsent. "Wir haben die Kontakte gepflegt", sagte Siemens-Sprecher Stefan Denig. Bei der Modernisierung der Energieversorgung, der Telefonnetze und der Industrie erwarte Siemens Aufträge. Im Übrigen sei Jugoslawien mit zehn Millionen Einwohnern ein wichtiger Markt.

Mittel zur Finanzierung dringender Projekte wollen sowohl Amerikaner als auch Europäer bereitstellen. Allein die Beseitigung der Schäden durch den Kosovo-Krieg wird nach Schätzungen der EU vier Milliarden Euro (7,8 Milliarden Mark) kosten. Bereits vor den Präsidentschaftswahlen hatte der US-Kongress für Jugoslawien 500 Millionen Dollar (1,1 Milliarden Mark) bereitgestellt - unter der Bedingung eines demokratischen Machtwechsels. "Die EU wiederum arbeitet an einem speziellen Programm für Jugoslawien und Albanien", sagte Torsten Klette, Osteuropa-Experte des DIHT. Unter dem Namen CARDS soll allein Serbien bis 2006 etwa 2,3 Milliarden Euro erhalten. Aus eigener Kraft könne das bankrotte Land den Wiederaufbau nicht finanzieren.

Der Handel zwischen Deutschland und Jugoslawien ist seit Anfang der 90er Jahre stark rückläufig. 1990 machte er 5,2 Milliarden Mark aus - 1999 nur noch eine Milliarde. Deutschland exportiert vor allem Maschinen und Chemieprodukte, Jugoslawien liefert Kleidung, Obst, Weine und Stahl. Nach dem Friedenschluss von Dayton Ende 1995, als der Krieg in Bosnien-Herzegowina beendet wurde, hatte der Handel zwischenzeitlich zugelegt - von einer Milliarde Mark (1995) auf 1,7 Milliarden (1997). Mit dem Beginn des Kosovokonflikts 1998 brachen die Wirtschaftsbeziehungen wieder ein. Durch die jahrelange Isolation des Landes wird der Wiederaufbau Jahrzehnte dauern. "Den einzigartigen Platz, den Jugoslawien noch in den 80er Jahren als wirtschaftliche Schnittstelle zwischen Ost und West einnahm, haben andere übernommen", sagt Michael Harms vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Der Waschmittelhersteller Henkel bestätigte, er habe - wegen der größeren Sicherheit - in Kroatien und Slowenien investiert.

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