Wirtschaft : Europäische Aktien: Auf der Warnliste

tmo

Was haben eine deutsche Sportwagenlegende, ein italienischer Luxusgüter-Konzern und ein französischer Hersteller von Billigfeuerzeugen gemeinsam? Antwort Nummer eins: Alle drei - Porsche, Gucci und Bic - stehen auf einer Liste von Aktien, die Dresdner Kleinwort Wasserstein für besonders riskant hält. Der Grund dafür liegt in Antwort Nummer zwei: Alle drei europäischen Unternehmen sind stark vom US-Markt abhängig.

Auf der Dresdner-Liste stehen europäische Titel, die unter einem Konjunktureinbruch in den USA und unter einem schwächeren Dollarkurs besonders leiden dürften. "Wenn die erhoffte Erholung in den USA weiter auf sich warten lässt, dürfte das diese europäischen Werte hart treffen", sagt Andrew Lapthorne, Anlagestratege bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. Experten der Commerzbank und von Morgan Stanley halten die Argumentation grundsätzlich für überzeugend. Sie warnen aber vor einer undifferenzierten Betrachtung.

In den vergangenen Monaten haben sich die Aktien auf der Warnliste besser als der europäische Gesamtmarkt entwickelt. Kein Wunder: Die starken Geschäftszahlen - die nicht zuletzt auf dem schwachen Euro und den starken US-Umsätzen beruhen - überzeugten die Investoren. Doch bald könnte das Pendel in die andere Richtung ausschlagen, warnt Dresdner-Stratege Lapthorne. Dazu brauche in den USA keineswegs eine Rezession auszubrechen, betont er. Bereits ein Abflachen des Wachstums und eine Stabilisierung des Euro-Kurses dürften gravierende Folgen haben. Am Freitag bestätigte der überraschend hohe Anstieg der US-Arbeitslosigkeit, dass die Konjunktur in den Vereinigten Staaten gefährdet ist.

Die Dresdner-Anlageexperten haben aus rund tausend europäischen Aktien diejenigen herausgefiltert, deren Kurse einen starken statistischen Zusammenhang mit dem Euro-Dollar-Kurs aufweisen. Zusätzlich berücksichtigten sie den Umsatzanteil, den diese Unternehmen in den USA erwirtschaften. So entstand die Warnliste.

Investoren müssen umdenken

Die darauf genannten Unternehmen haben bislang enorm vom jahrelangen US- Wirtschaftsboom profitiert. Investoren müssten daher radikal umdenken, sagt Dresdner-Stratege Lapthorne: Aus dem Vorteil eines starken US-Standbeins drohe ein Nachteil zu werden. Nach Einschätzung der Dresdner-Experten haben viele Analysten und Investoren dieses Risiko noch nicht vollständig erkannt. "Viele schreiben die glorreichen Gewinnzuwächse der Vergangenheit weiter in die Zukunft fort", sagt Lapthorne. Unternehmen wie Porsche und auch VW haben in den USA glänzend verdient. Die ausgabefreudigen US-Verbraucher kauften in den vergangenen Jahren Rekordmengen an Autos, Luxuswaren und High-Tech-Produkte aus Europa.

Die Euroschwäche hat geholfen

Zudem half der fallende Eurokurs den Unternehmen gleich doppelt: Zum einen war jeder Dollar, den die Europäer in den USA verdienten, mehr Euro wert. Schon allein dadurch stiegen die in Euro ausgewiesenen Bilanzgewinne. Hinzu kam, dass die schwache Gemeinschaftswährung europäische Produkte - in Dollar gerechnet - billiger machte. Das stärkte die Wettbewerbsposition europäischer Konzerne gegenüber der amerikanischen und übrigens auch gegenüber der asiatischen Konkurrenz. Im Vergleich zum Dollar hat der Euro sich zuletzt stabilisiert. Asiatische Währungen sind sogar deutlich gefallen gegenüber der Gemeinschaftswährung. Das heißt, der bislang segensreiche Währungseffekt könnte ins Gegenteil umschlagen.

Strategen anderer Banken halten den Ansatz der Dresdner-Experten zwar für grundsätzlich schlüssig, warnen aber vor einer isolierten und vereinfachten Wertung des US-Risikos. "Fast jede Investmentbank verfolgt derzeit ähnliche Konzepte", sagt Ben Funnell vom Londoner Strategieteam des US-Hauses Morgan Stanley. "Man sollte aber nicht alle Werte mit starkem Standbein in den Vereinigten Staaten über einen Kamm scheren", sagt der Stratege. Funnell hält etwa manche britische Stromversorger und europäische Pharmakonzerne trotz ihrer hohen Anteile von US-Umsätzen am jeweiligen Gesamtabsatz für attraktiv.

Rolf Elgeti, Londoner Anlagestratege der Commerzbank, warnt vor Fallstricken bei der Analyse. "Beim Wechselkursrisiko zählt nicht nur der Umsatzanteil." So überschätzten viele Investoren zum Beispiel die Bedeutung des Eurokurses für Daimler-Chrysler, BMW und Bayer. Diese Konzerne hätten zwar hohe Umsätze, aber auch große Produktionsanlagen im Dollarraum. Wechselkursschwankungen wirkten daher gleichzeitig auf der Einnahmen- und auf der Kostenseite - und glichen sich tendenziell aus. Für stärker gefährdet hält Elgeti Exporteure, die in Europa produzieren und in den USA verkaufen. "In dieser Lage sind Gucci und auch Porsche." Bei diesen Unternehmen dürfte eine Mischung aus nachlassender US-Konjunktur und sinkendem Dollarkurs Druck auf die Gewinne ausüben - und damit auf die Aktienkurse.

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