Europäische Bankenaufsicht : Die EZB stellt mindestens 800 neue Experten ein

Viele Augen sehen mehr: Die Europäische Zentralbank sucht hunderte Experten für ihre neue Aufsicht – die noch unfertigen Doppeltürme in Frankfurt sind angesichts der großen Pläne schon zu klein.

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Fernglas mit Blick auf die Skyline von Frankfurts Innenstadt.
Genau hinschauen soll die EZB künftig bei den 150 großen Geldhäusern der Euro-Zone.Foto: picture alliance / dpa

Es wird die größte Einstellungsmaßnahme der letzten Jahre im Finanzsektor in Frankfurt, vermutlich sogar in Deutschland. Bis zu 1000 zusätzliche Experten braucht die Europäische Zentralbank (EZB). Im Herbst 2014 soll die europäische Bankenaufsicht (SSM – Single Supervisory Mechanism) ihre Arbeit in Frankfurt aufnehmen. Mitte September hat das Europaparlament das Vorhaben endgültig abgesegnet. Im Eurotower und bei Personalberatern laufen die Vorbereitungen seit Frühsommer auf Hochtouren. Freilich: Bevor die ersten Verträge unterzeichnet werden, muss auch das „Supervisory Board“, das Führungsgremium des SSM, benannt werden. Der Vorsitzende darf nicht aus der EZB kommen. Vor Jahresende rechnet hier kaum jemand mit Entscheidungen.

Deutsche Banker, die ihren Job verloren haben oder zu verlieren drohen, scharren bereits mit den Hufen. Minister, die für Banker verantwortlich sind, loten in Frankfurt schon die Chancen aus. Schon Ende Juli traf sich der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) mit EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch, der sich um den Aufbau des SSM kümmert. 2700 Bankerinnen und Banker sitzen bei Portigon, der Nachfolgegesellschaft der West LB in Düsseldorf. Ein Wechsel von einigen nach Frankfurt würde die Landeskasse entlasten.

Rekrutiert wird in 28 Ländern

Wenn überhaupt, dürften nur wenige Portigon-Banker beim SSM landen. Wie bei der EZB auch werden die neuen Aufseher nicht nur aus den Euro-Staaten, sondern aus allen 28 EU-Ländern rekrutiert. „Quoten gibt es nicht“, versichert eine EZB-Sprecherin. Die Zahl der Deutschen beim SSM wird überschaubar sein. Es soll eine gesunde Mischung aus erfahrenen Bankenaufsehern, aus Juristen, IT- und Statistikspezialisten sein. Auch Experten aus Banken, von Wirtschaftsprüfern und Unternehmensberatungen dürften gefragt sein.

Die EZB wird künftig direkt auf die etwa 150 großen Geldhäuser der Euro-Zone schauen, die nationalen Aufseher in Abstimmung mit der EZB auf die 6000 anderen Institute. Derzeit erstellt die EZB eine „Landkarte“ des Euro-Bankensystems und die Kriterien für die Bilanzanalyse der Institute, so dass Mängel und Gefahren für das Finanzsystem frühzeitig erkannt und abgestellt werden können.

4400 Euro Einstiegsgehalt

Im Frühsommer hat die EZB ihre künftige Aufgabe in der Bankenaufsicht bei Infoveranstaltungen in allen Euro-Notenbanken erläutert. Rund 2000 Notenbanker, auch in der Bundesbank, haben ihr Interesse dokumentiert. Die Anforderungen an die Bankenaufseher sind hoch: Neben fließendem Englisch werden gute Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache erwartet, eine exzellente Ausbildung und internationale Berufserfahrung möglichst bei Zentralbanken oder Finanzorganisationen. Gezahlt werden Gehälter nach EU-Vorgaben. Sie unterliegen der EU-Gemeinschaftssteuer mit Steuersätzen ab acht Prozent, die bis auf 45 Prozent steigen. Für Aufseher dürften die Monatsbezüge bei etwa 4400 Euro beginnen, die Obergrenze liegt bei rund 18 400 Euro.

Rund 80 Experten haben die nationalen Notenbanken für die Vorbereitung des SSM bereits nach Frankfurt abgestellt. Bei der Bundesbank und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin), die in Deutschland mit insgesamt rund 1550 Experten für die Bankenaufsicht zuständig sind, wird man weitere Aufseher an den SSM abtreten. „Einerseits wünsche ich mir eine gemeinsame Aufsicht, zu deren Erfolg auch viele Bundesbanker künftig beitragen werden, jedoch fällt es mir andererseits schwer, in der Bundesbank demnächst auf sie verzichten zu müssen“, sagt Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger. Bis zu fünf Jahre können sich Bundesbanker für die Arbeit beim SSM beurlauben lassen.

Die Planung hinkt der Entwicklung hinterher

Offen ist, wo die Euro-Bankenaufseher ihre Arbeit verrichten. Im Osten Frankfurts geht der Neubau der EZB-Doppeltürme zwar seiner Fertigstellung entgegen. In rund einem Jahr sollen die Euro-Banker einziehen. Doch das neue Domizil der EZB wird schon zu klein sein. Bei der Planung war schließlich nicht klar, dass die Notenbank auch Heimat der Bankenaufsicht sein würde. Möglicherweise wird die EZB die Aufseher im Eurotower im Bankenzentrum unterbringen. Das hätte den Vorteil, dass Geldpolitik und Bankenaufsicht räumlich getrennt wären. Allerdings ist der 1977 fertiggestellte Turm, früher Heimat der Bank für Gemeinschaft, in die Jahre gekommen. Dort war ab 1995 das Europäische Währungsinstitut (EWI), der Vorläufer der EZB, untergebracht, 1998 zog die EZB ein. Seit fast 30 Jahren stehen im Büro des Präsidenten derselbe Schreibtisch und dieselben Regale. „Da haben der EWI-Chef und die beiden EZB-Präsidenten Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet gesessen. Seit November 2011 ist es der Arbeitsplatz von Mario Draghi“, sagt eine EZB-Sprecherin.

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