Wirtschaft : Europäische Notenbank: Duisenberg: EZB senkt die Zinsen vorerst nicht

Die Europäische Notenbank (EZB) erwägt derzeit keine neue Senkung der Leitzinsen in der Euro-Zone. Dies machte EZB-Präsident Wim Duisenberg am Dienstag vor dem Europaparlament in Straßburg deutlich. Die am 10. Mai beschlossenen Zinssätze seien geeignet, die Preisstabilität in der Euro-Zone zu gewährleisten, erläuterte der Niederländer den Europa-Abgeordneten. Derzeit gebe es keine Erkenntnisse, die eine Änderung dieser Sätze rechtfertigen würden. Duisenberg reagierte damit auf jüngste Spekulationen über mögliche Zinssenkungen durch die EZB. Am 10. Mai hatte die EZB den maßgeblichen Zinsatz für die Euro-Zone um 0,25 auf 4,5 Prozent gesenkt und damit den damaligen Zinssätzen in den USA angepasst. Seither wurden die US-Zinsen jedoch erneut gesenkt.

Der Euro verlor nach den Äußerungen Duisenbergs wieder an Boden und fiel unter die Schwelle von 0,85 Dollar, die er vor der Rede Duisenbergs kurz überwinden konnte.

Optimistisch äußerte sich Duisenberg zur künftigen Preisentwicklung. Die gegenwärtige hohe Inflationsrate sei nur vorübergehend. In naher Zukunft seien keine "negativen Preisschocks" mehr zu erwarten. Er gehe daher davon aus, dass die Inflationsrate im kommenden Jahr wieder unter zwei Prozent liegen werde. Allerdings müssten die Unionsländer die Preisentwicklung nach der Einführung der Euro-Noten und -Münzen im kommenden Januar "aufmerksam verfolgen", mahnte Duisenberg. Vor allem in der Übergangsphase nach der Einführung des Euro-Bargelds sei dies wichtig. Die EZB werde ihrerseits die Entwicklung "sehr genau beobachten". Notwendig sei schließlich auch "Mäßigung" bei den Lohnabschlüssen, mahnte Duisenberg.

Analysten hatten sich kurz vor Duisenbergs Äußerungen bei einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters beklagt, dass die EZB zu uneindeutig sei. "Wir haben ein Sammelsurium an Aussagen, aus denen ich nichts schließen kann", sagte Michael Schubert von der Commerzbank. Von 52 befragen Volkswirten erwarteten 22 eine Zinssenkung, vor allem wegen der lahmenden Konkunktur im Euro-Raum. Auch wenn es nun kaum am Donnerstag zu einer Senkung kommen wird: Einigkeit herrschte unter den Analysten daher weitgehend darüber, dass die Währungshüter die Zinsen noch bis August - vor der EZB-Sommerpause - und vor dem Jahresende senken werden.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte Ende vergangener Woche eine unerwartet starke Abschwächung der Konjunktur in der Euro-Zone ausgemacht. Trotz einer offiziellen Wachstumsprognose von 2,4 Prozent rechnen die IWF-Experten einem internen Papier zufolge mit einem Wachstum der Euro-Zone von nur noch rund zwei Prozent in diesem Jahr. In Deutschland beschleunigt sich der Abschwung ebenfalls. Der Handelsblatt-Frühindikator ist im Juli stark eingebrochen und mit 1,7 Prozent auf den niedrigsten Stand seit September 1999 zurückgefallen. Der im August 2000 erreichte Höchstwert des Frühindikators von 3,2 Prozent wird mittlerweile um 1,5 Prozentpunkte unterschritten. Auch das Konjunkturbarometer für die neuen Länder setzte seinen Abwärtskurs mit einem weiteren Rückgang von 1,9 auf 1,5 Prozent im Juli fort.

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