Wirtschaft : Europäische Union besteht auf Koch-Weser

Kritik an der unprofessionellen Diplomatie der Deutschen - Neue Kandidaten kommen ins Spiel

Die Bundesregierung und die Europäische Union halten an Caio Koch-Weser fest. Das Bundeskanzleramt dementierte am Donnerstag Berichte, wonach die Deutschen ihren Kandidaten für das Spitzenamt des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückziehen wollten. Auch Frankreich, das zunächst starke Vorbehalte gegen Koch-Weser hatte, bekräftigte seine Unterstützung für den Deutschen. Er habe volles Vertrauen in den europäischen Kandidaten, sagte der französische Finanzminister Christian Sautter in Paris.

Koch-Weser war schon am Vortag zu Sondierungsgesprächen nach Washington gereist. Ergebnisse wurden nicht bekannt. Der außenpolitische Berater im Bundeskanzleramt, Michael Steiner, sagte, die Deutschen könnten Koch-Weser gar nicht zurückziehen, da dieser Kandidat der Europäer sei und von allen EU-Staaten unterstützt werde. Steiner fügte hinzu: "Nach der Probeabstimmung werden wir weitersehen." Koch-Weser muss sich in Washington mit zwei Gegenkandidaten auseinandersetzen: dem amtierenden IWF-Direktor Stanley Fischer aus den Vereinigten Staaten und dem Japaner Eisuke Sakakibara.

Zuvor war berichtet worden, die Europäer bereiteten den geordneten Rückzug vor, indem sie die Kandidatur Koch-Wesers zurückzögen, um an seiner Stelle einen anderen Kandidaten präsentieren zu können. Dabei wurden unter anderen der frühere italienische Ministerpräsident Giuliano Amato, der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Biz) in Basel, Andrew Crockett und der frühere britische Finanzminister Kenneth Clarke genannt.

Aus diplomatischen Kreisen in Berlin verlautete unterdessen, dass es vor allem ein taktisch unkluges Verhalten von Finanzminister Hans Eichel gewesen sei, durch welches bereits im Vorfeld die Position von Koch-Weser geschwächt worden sei. So habe die deutsche Seite nicht, wie sonst üblich, den Namen des Kandidaten innerhalb der EU dezent ins Gespräch gebracht und im Hintergrund nach Verbündeten gesucht, sondern durch eine öffentliche Nennung Koch-Wesers die Partner brüskiert. Dies habe vor allem Franzosen und Briten verärgert, die sich durch den prinzipiellen Anspruch des Bundeskanzlers auf mehr deutschen Einfluss in der Europäischen Union ohnedies in ihren traditionellen Machtpositionen tangiert fühlten und nun eine Chance zum Gegensteuern sahen.

Das amerikanische Veto gegen Koch-Weser wird in diesen Kreisen zum einen grundsätzlich politisch gewertet, weil dieser sich aus US-Sicht in der Vergangenheit gegenüber den Entwicklungsländern zu großzügig verhalten habe. Zum anderen gehe es der Clinton-Administration darum, verdiente Spitzenpolitiker rechtzeitig vor dem Präsidentenwechsel in Ämter zu bringen. Womöglich wolle Clinton in Wirklichkeit gar nicht Fischer, sondern seinen Finanzminister Lawrence Summers unterbringen, heißt es. Dabei scheue man gegenüber der EU vorübergehend auch nicht vor einer Politik der "verbrannten Erde" zurück. Sollte Deutschland den Kandidaten Koch-Weser zurückziehen müssen, werde das auch künftige deutsche Bemühungen um internationale Spitzenpositionen negativ tangieren.

Nach Ansicht hochrangiger US-Regierungsbeamten ist der deutsche Bundeskanzler persönlich für das IWF-Debakel verantwortlich. Er habe Präsident Clintons frühzeitige höfliche Ablehnung des Finanzstaatssekretärs als Offenheit gegenüber dem deutschen Vorschlag missverstanden und die anderen europäischen Regierungen falsch informiert, berichteten die amerikanischen Zeitungen "New York Times" und "Washington Post" am Donnerstag. Washington betont, bei der Ablehnung Koch-Wesers gehe es um dessen Qualifikation.

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