Europäische Unternehmen : Ein Fünftel will weg aus China

Unfaire Marktbedingungen und steigende Arbeitskosten: Europäische Firmen fühlen sich offenbar nicht wohl in China. Wachstum erwarten sie dennoch.

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Die Zeiten, in denen China als verlängerte Werkbank der Welt galt, ist vorbei: Die Arbeitskosten steigen.
Die Zeiten, in denen China als verlängerte Werkbank der Welt galt, ist vorbei: Die Arbeitskosten steigen.Foto: AFP

Mancher Ausländer in China fragt sich, ob er noch willkommen ist. Zwei Videos, in denen ein Brite mutmaßlich eine Vergewaltigung begeht und ein Russe eine Chinesin schwer beleidigt, haben einige Chinesen gegen Ausländer aufgebracht und den Nationalismus geschürt. In Peking werden Ausländer nun intensiver kontrolliert, die Stadt will mit einer Kampagne „illegale Ausländer“ aufspüren. Viele europäische Firmen in China haben die neuen behördlichen Hindernisse schon kennengelernt – weshalb mehr als ein Fünftel von ihnen darüber nachdenkt, lieber in einem anderen Land zu investieren. Das hat eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage der Europäischen Handelskammer unter mehr als 500 Firmen in China ergeben.

„Wenn jedes fünfte Unternehmen darüber nachdenkt zu gehen, würde ich das schon als alarmierend ansehen“, sagte Davide Cucino, Präsident der Europäischen Handelskammer in China. Rechtsunsicherheit und die willkürliche Auslegung von Vorschriften zählen zu den Hauptgründen für diese Überlegungen. „Wenn die chinesische Politik nicht einige grundsätzliche Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit erfüllt, wird es für diese Firmen schwierig, im Land zu bleiben oder mehr zu investieren“, sagte Cucino. Die Firmen nennen auch steigende Kosten in China und attraktivere Bedingungen in anderen Ländern wie Vietnam als Motive für ihre Abwanderungsgedanken.

Im Schlaraffenland - Deutsche Autohersteller in Peking

Deutsche Autobauer im Schlaraffenland
Wenn es noch ein El Dorado für die Autobranche gibt, dann ist das immer noch China. Zweistellige Zuwachsraten, ein gigantischer Markt, der nur zu kleinen Teilen bisher erschlossen wurde und jede Menge Sucht nach Prunk. Für die Glamourbranche Auto ein wahres Fest. Entsprechend aufwendig inszenieren sich die Hersteller in Peking.Weitere Bilder anzeigen
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Allerdings stellt die Umfrage gleichzeitig fest, dass der chinesische Markt noch wichtiger geworden ist. Die Hälfte der befragten Unternehmen generiert mehr als zehn Prozent ihres weltweiten Umsatzes in China. Das ist eine Steigerung von mehr als 50 Prozent im Vergleich zu 2009. Mehr als 64 Prozent der Firmen gab an, das operative Ergebnis sei im vergangenen Jahr gewachsen. Und bei 42 Prozent hatte sich das Ergebnis in China besser entwickelt als im Rest der Welt. „Die europäischen Firmen sind optimistisch bezüglich des weiteren Wachstums“, sagte Davide Cucino. „Sie konzentrieren sich auf neue Sektoren – und die hängen zusammen mit der wachsenden inländischen Nachfrage in China.“

Im Vergleich zu ihren chinesischen Wettbewerbern fühlen sich viele europäische Firmen allerdings im Nachteil. 42 Prozent der Firmen gab an, dass die Regularien für ausländische Firmen unfairer als noch vor zwei Jahren geworden seien. „Europäische Firmen betrachten die willkürliche Durchsetzung breit auslegbarer Gesetze und Regularien als das größte regulatorische Hindernis“, heißt es in dem Bericht.

Man spricht chinesisch - Die Hannover Messe im Zeichen des Drachen

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao eröffnen am Montag (23.04.2012) auf dem Messegelände in Hannover im chinesischen Gemeinschaftsstand die Messe.Alle Bilder anzeigen
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23.04.2012 14:08Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao eröffnen am Montag (23.04.2012) auf dem...

Davide Cucino beklagt zudem zahlreiche blockierte Reformen in der chinesischen Gesetzgebung. „Es hat nicht viele Verbesserungen gegeben“, sagte der Präsident der Europäischen Handelskammer. 48 Prozent der europäischen Unternehmen glauben, dass ihnen wegen Hindernissen beim Marktzugang oder durch spezifische Regularien Entwicklungsmöglichkeiten in China versperrt wurden.

Große Sorgen bereiten den Firmen auch die steigenden Arbeitskosten. Dafür sind nicht nur neue Gesetze verantwortlich, wie die neu eingeführte Sozialversicherungspflicht für ausländische Mitarbeiter. Das gestiegene Gehaltsniveau wird auch deutlich bei der Verpflichtung von chinesischen Mitarbeitern. 52 Prozent der Firmen gaben an, dass neue Mitarbeiter zu viel Lohn verlangen würden. Bei den Forderungen der vorhandenen Mitarbeiter verhält es sich ebenso. In der Folge haben viele Firmen Schwierigkeiten, ihre mühsam angelernten Mitarbeiter zu behalten.

Doch trotz aller Probleme wirken die Abwanderungsszenarien der europäischen Firmen eher wie eine leere Drohung – angesichts der vielen positiven Zahlen, die in der Umfrage zutage treten. Für 74 Prozent der befragten Firmen wird China in der Unternehmensstrategie noch wichtiger werden. 78 Prozent der Unternehmen sind optimistisch bezüglich des chinesischen Wachstumspotenzials, auch wenn sich in den letzten Monaten Zeichen der Abschwächung in China ergeben haben.

Und so sieht es aus, als sei die große Mehrzahl der europäischen Firmen in China weiterhin bereit, den Frust über unfaire Marktbedingungen und ungewisse Regularien hinzunehmen – und die Gewinne mitzunehmen.

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