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Europäische Zentralbank : Die EZB lockert Geldpolitik weniger als erwartet

EZB-Chef Mario Draghi hat eine noch lockerere Geldpolitik verkündet, allerdings weniger als erwartet. Was bedeutet das für die Wirtschaft, Konsumenten, Immobilienbesitzer, Sparer und Anleger?

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Die Euro-Skulptur leuchtet am 08.01.2014 vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (Hessen).
Die Euro-Skulptur leuchtet am 08.01.2014 vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (Hessen).Foto: dpa

Die Europäischen Zentralbank (EZB) hat neue Maßnahmen zur weiteren Lockerung ihrer Geldpolitik beschlossen, allerdings wurden Anleger und Märkte enttäuscht. Der Dax fiel deutlich. Die Anleihekäufe werden zeitlich bis März 2017 ausgedehnt, der Umfang der monatlichen Käufe wird aber nicht erhöht. Der Strafzins für Banken, die ihr Geld bei der EZB parken, wird auf minus 0,3 Prozent erhöht.

Einen ausführlichen Bericht zur Pressekonferenz von EZB-Chef Mario Draghi finden Sie hier.

Warum will Mario Draghi die Geldpolitik noch weiter lockern?

Die EZB werde tun, was sie tun müsse, hat der Italiener in den vergangenen Tagen mehrfach betont. Die Inflation müsse so schnell wie möglich wieder in Richtung von zwei Prozent bewegt werden. Bei dieser Marke sieht die Notenbank einerseits Preisstabilität gewahrt und andererseits eine Basis für nachhaltiges Wachstum. Draghi erkennt zwar Fortschritte beim Wachstum, aber die Entwicklung ist in seinen Augen zu schwach, vor allem im Süden der Euro-Zone. Eine noch lockerere Geldpolitik würde den Euro schwächen und damit die Exporte fördern.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).
Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).Foto: dpa

Braucht Deutschland das?

„Eine lockere Geldpolitik fördert den Export, Südeuropa braucht das. Für Deutschland ist es angesichts ohnehin sehr hoher Exportüberschüsse eher zuviel des Guten“, sagt der Heidelberger Ökonomieprofessor Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Stimmt es, dass die Lage in der Euro-Zone schlecht ist?

Die Erholung der Wirtschaft nach der Finanzkrise ging in der Euro-Zone viel langsamer vonstatten als in den USA, wo sehr viel schneller und konsequenter die Banken rekapitalisiert und die Geldschleusen geöffnet wurden. Das lange Zögern der Euro-Zone will Draghi aufholen. Seine Maßnahmen zeigen bereits erste Erfolge. Es gibt positive Entwicklungen in der Wirtschaft und die Arbeitslosigkeit ist im Oktober weiter gesunken, auf 10,7 Prozent gegenüber 11,5 Prozent im Vorjahr. Deutschland verzeichnet die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 1991.

Draghi sieht selbst, dass das Anleihekaufprogramm längst positive Wirkung zeigt: Die Kreditbedingungen in der Euro-Zone seien so gut wie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Die Wirtschaft bewege sich in allen Ländern außer Griechenland „in die von uns gewünschte Richtung“. Aber es geht Draghi zu langsam.

Quelle: Comdirect.de/Grafik: Tsp

Kann der Euro tatsächlich in Gefahr geraten?

Draghis Maßnahmen werden den Euro weiter drücken. Goldman Sachs prognostiziert einen Euro-Kurs von 80 Dollarcent bis Ende 2017. Das würde eine krasse Umkehrung bedeuten (siehe Grafik). Bereits seit 2014 sinkt der Euro und hat in den vergangenen drei Monaten zusätzlich Fahrt aufgenommen, seit Draghi neue Schritte andeutete. Aber das muss keine Gefahr für den Euro selber bedeuten. Im Gegenteil. „Auf den Zusammenhalt der Euro-Zone wirken solche Maßnahmen eher stabilisierend. Die tief sitzenden ungelösten Probleme werden mit viel Geld zugedeckt“, sagt ZEW-Ökonom Heinemann.

Stimmt das Argument, dass die Inflation zu niedrig ist?

Die Inflation in der Euro-Zone ist von minus 0,6 Prozent Anfang des Jahres auf plus 0,1 Prozent gestiegen. Rechnet man Energie und Lebensmittelpreise heraus – das ist die aussagekräftigere „Kerninflation“ – dann liegt die Rate bei etwas über einem Prozent. Das ist dann nicht mehr soweit entfernt von den von der EZB angestrebten knapp zwei Prozent. „Die EZB trifft die Maßnahmen ohne Not. Wir stehen nicht unmittelbar vor einer Deflationsphase“, sagt ZEW- Ökonom Heinemann. Energie- und Lebensmittelpreise werden oft deshalb herausgerechnet, weil sie äußeren Einflüssen unterliegen, wie dem Ölpreis und dem Wetter, die wenig mit den Gegebenheiten und Problemen der eigenen Wirtschaft zu tun haben.

Was bedeutet eine noch lockerere Geldpolitik für den Konsumenten?

Reisen in die USA werden sehr teuer, wenn der Euro wie erwartet stark an Wert verlieren wird. Aber nicht nur USA-Reisende wären betroffen. Wenn der Euro sinkt, dann steigen die Importpreise. Es wird also vieles teurer für die Konsumenten. Genau das ist von Draghi gewünscht – höhere Inflation. Steigen werden damit auch die Öl- und Energiepreise, die zuletzt aus anderen Gründen stark gesunken waren.

Was folgt für die Sparer daraus?

Sparer müssen mit noch niedrigeren Zinsen rechnen, möglicherweise sogar mit negativen Zinsen. Im Extremfall würde das heißen, sie müssen vielleicht sogar draufzahlen dafür, dass sie bei ihrer Bank Geld deponieren. Dazu muss es nicht kommen, aber die Möglichkeit besteht, je nachdem, wie negativ die EZB die Zinsen festlegt und die Banken ihrerseits zahlen müssen dafür, dass sie ihr Geld bei der EZB parken. Banken wären dann möglicherweise gezwungen, diese zusätzlichen Zinskosten teilweise auf den Kunden abzuwälzen. Betroffen wären vor allem Deutsche, weil vor allem deutsche Banken viel Geld bei der EZB parken.

Was heißt das für Immobilienkäufer und Hypotheken?

Bevor Inflation den Supermarkt erreicht, zeigt sie sich in anderen Bereichen. „Es gibt nicht nur die Inflation der Verbraucherpreise. Viele andere Preise steigen, Immobilien, Aktien. Das kann zu Risiken führen. Manche Immobilienpreise in deutschen Ballungsgebieten sind bereits irrwitzig“, sagt ZEW-Ökonom Heinemann. Die Frage ist, wie lange der Aufwärtstrend anhalten wird.

Eigentlich müssten die Hypothekenzinsen weiter sinken. Aber sicher ist das nicht. Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) berichtete vergangenes Wochenende, dass die schlagartig verschärften Strafzinsen für Bankeinlagen bei der Notenbank in der Schweiz dazu geführt haben, dass die Hypothekenzinsen gestiegen sind. Der Grund ist, dass die Geldhäuser die Negativzinsen teilweise von den Hypothekenkunden zurückholen mussten. Die Schweiz hatte die Strafzinsen auf minus 0,75 Prozent festgelegt, ein weltweiter Rekord. Die Frage ist, wie weit die EZB an diesem Donnerstag in diesem Punkt gehen wird.

Welche Folgen kann die EZB- Entscheidung für Aktien haben?

Bisher hat die lockere Geldpolitik zu immer höheren Aktienständen geführt. Die Frage ist, wie weit das noch gehen kann. Der Aktienaufwärtstrend hält nun schon seit sechseinhalb Jahren an, die Gewinne in der jüngsten Berichtssaison waren in weiten Teilen ernüchternd und die Aktienindizes werden hauptsächlich nur noch von einigen wenigen Aktien nach oben gezogen. Das deutet eher darauf hin, dass sich die Märkte in einer der letzteren Phasen des Aufwärtstrends befinden. Kurzfristig haben sich viele Anleger in Erwartung einer für Aktien positiven EZB-Entscheidung mit Aktien eingedeckt. Wenn die Entscheidung dann kommt, haben schon alle positiv Gestimmten gekauft und keiner folgt mehr nach. Oft sinken dann die Werte erst einmal. Erst recht, wenn Draghi auch nur ein bisschen weniger gibt, als die Anleger erwartet haben. Genau das ist passiert. Einen ausführlichen Bericht, wie Anleger durch Rebalancing der Crash-Gefahr und den Wirren an der Börse entgehen und trotzdem eine hohe Rendite erwirtschaften können, lesen Sie hier.

Was sagen deutsche Kritiker zur expansiven EZB-Politik?

Bundesbank-Chef Jens Weidmann plädiert für Abwarten statt Hektik. Auch er verweist darauf, dass es vor allem das billige Öl ist, das die Inflation als niedrig erscheinen lässt. „Ich sehe derzeit keinen Grund für weitere geldpolitische Maßnahmen“, sagt auch EZB-Direktorin Lautenschläger. Weidmann warnt vor Nebenwirkungen wie etwa Blasen an den Finanz- und Immobilienmärkten. Und davor, dass die Krisenstaaten ihre Reformanstrengungen vernachlässigen, weil sie auch so günstig an Geld kommen.

Trotz Rekordschulden zahle etwa Italien dank EZB nur einen Zins von 1,4 Prozent für zehnjährige Anleihen, sagt Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank. Dass Banken vor allem in den Krisenländern das EZB-Geld nicht als Kredit an Verbraucher und Unternehmen weiterleiten, ist für ihn klar. „Italienische und spanische Banken sitzen noch immer auf zu vielen faulen Krediten. Viele Bankkunden im Euroraum sind noch zu hoch verschuldet, fragen deshalb keine neuen Kredite nach.“ Das EZB-Geld werde weiter kaum in der Realwirtschaft ankommen und Investitionen anstoßen, sondern die Preise an den Finanzmärken treiben, sagt Krämer .

Was passiert, wenn die US-Notenbank Fed Mitte Dezember das Gegenteil tut?

Es wird gemeinhin erwartet, dass die US-Notenbank Fed am 16. Dezember erstmals nach neun Jahren die Leitzinsen erhöhen wird. Dies wird die Abwärtsentwicklung des Euros verschärfen. Draghi wird dies begrüßen, weil dadurch die Konjunktur in der Euro-Zone befördert wird. Experten sehen in der „Großen Divergenz“, wie sie es nennen, zwischen Euro und Dollar, kein prinzipielles Problem. ZEW-Ökonom Heinemann: „Dass sich Konjunktur und Währungen in Europa und in den USA unterschiedlich entwickeln, hat es immer gegeben. Die Stärke der US-Wirtschaft ist, dass diese zwar immer wieder heftige Einbrüche erlebt, aber sich immer auch wieder schnell und kräftig erholt. In einer solchen Erholungsphase kann der Dollar durch die Decke gehen.“

Droht irgendwann eine noch expansivere Geldpolitik? Was wäre das Äußerste? Helicopter-Money?

Es gibt eine neuere Debatte darum, ob die Notenbanken nicht direkt frisch gedrucktes Geld an Regierungen aushändigen, das diese dann für die Schuldentilgung oder Infrastrukturprojekte verwenden. Das Geld müsste nicht zurückgezahlt werden. "Helicopter-Money" und "Fiatgeld" sind die Stichworte dieser Debatte. Adair Turner, ehemaliger Chef der britischen Finanzmarktaufsicht FSA, propagiert diese Lösung. Turner hat seine Ideen zuletzt in seinem vielbeachteten Buch "Between Debt and the Devil" (Princeton University Press, Oxford 2015, 320 S., $ 29.95.) ausgeführt. Ein weiterer Vertreter ist Lawrence Summers, ehemaliger US-Finanzminister. Vor allem die "Financial Times" und die "Neue Zürcher Zeitung" führen diese Debatte. Einen ausführlichen Bericht dazu finden Sie hier.

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