Europäische Zentralbank : Signore Preisstabilität

Der mögliche nächste EZB-Präsident Mario Draghi gilt als solider Pragmatiker.

Katharina Kort[Mailand]
Kandidat Mario Draghi. Jesuitenschüler mit Weltbankerfahrung. Foto: AFP
Kandidat Mario Draghi. Jesuitenschüler mit Weltbankerfahrung. Foto: AFPFoto: AFP

Gemessen an italienischen Standards ist Mario Draghi eine Ausnahmegestalt: Für die Doktorarbeit zog der Mann, der im November zum Präsidenten der Europäischen Zentralbank aufsteigen könnte, in die USA, während viele seiner Altersgenossen die Heimat nie verließen. Und noch heute besteigt der 63-Jährige lieber Berge, als den Urlaub wie die Mehrheit der Italiener am Strand zu verbringen.

Als EZB-Präsident müsste er den europäischen Partnern beweisen, dass er auch als Geldpolitiker ein Ausnahme-Italiener ist. Denn seine Nationalität ist, zumindest auf den ersten Blick, sein größter Nachteil. Italien galt schließlich nicht gerade als Garant für eine solide Geldpolitik. Jahrzehntelang hatte das Land vor allem mit Abwertungen der Lira die eigene Wirtschaft unterstützt.

Doch EZB-Beobachter wissen, dass Draghi ein auf Preisstabilität ausgerichteter Geldpolitiker ist, im Jargon der Notenbanker also ein Falke und keine Taube. Und wer mit ihm beruflich zu tun hat, lobt vor allem seinen Pragmatismus. Draghi analysiert die Probleme und sucht dann unideologisch nach einer Lösung.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Roberto Solow, der Draghi noch von der US-Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology kennt, wo der heutige italienische Zentralbankchef 1976 seinen Doktorgrad erwarb, erinnert sich: „Mario war kein Partygänger, sondern ein ruhiger, extrem höflicher junger Mann. Und ein sehr guter Student, der über die Dinge nachdachte und an meine Tür klopfte, wenn er Fragen hatte.“ Draghi habe sich nicht nur für theoretische Fragen interessiert, sondern ebenso für die politische Praxis. Der Professor pflegt den Kontakt zu seinem ehemaligen italienischen Studenten bis heute und sagt: „Ich glaube, Mario ist eine positive Kraft für Italien und für Europa.“ Draghi sei nach wie vor ein ruhiger und nachdenklicher Mensch. „Seine Stärke ist es, keine schnellen Antworten auf Fragen zu geben, sondern die Dinge zu überdenken.“

Die Fachkompetenz des Jesuitenschülers mit Weltbank-Erfahrung, der in den 90er Jahren als oberster Beamter im Finanzministerium wesentlich zum italienischen Euro-Eintritt beigetragen hat, bestreitet niemand. Renommee hat er sich auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Financial Stability Board (FSB) erworben, jenes Gremiums, das die neuen Finanzregeln der G20-Länder ausarbeitet. Als FSB-Chef hat Draghi direkten Zugang zu den wichtigsten Entscheidern der Welt.

Die Finanzzeitung „Financial News“ wählte Draghi im vergangenen Jahr zur Nummer zwei der einflussreichsten Personen in Europas Finanzbranche – nach dem Chef des Investment-Bankings der Deutschen Bank, Anshu Jain – und noch vor dem amtierenden EZB-Chef Jean-Claude Trichet.

Lediglich sein kurzer Ausflug in die Privatwirtschaft wirft einen kleinen Schatten auf Draghi: Er war von 2002 bis 2005 Vizepräsident bei der US-Investmentbank Goldman Sachs in London. Die Bank soll der griechischen Regierung geholfen haben, mit komplizierten Transaktionen das wahre Ausmaß der miserablen Haushaltslage Athens zu verschleiern. Draghi jedoch weist alle Vorwürfe mit der Begründung zurück, die Transaktionen seien vor seiner Zeit geschehen. Außerdem habe er während seiner Arbeit bei Goldman Sachs nie mit Griechenland zu tun gehabt. HB

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