Wirtschaft : Europäischen Zentralbank: Der geldpolitische Kurswechsel naht

Martina Ohm

Nachdem die Wachstumsprognosen für Europa und Deutschland in den vergangenen Wochen von unterschiedlichster Seite nach unten revidiert wurden, rechnen immer mehr Bankvolkswirte damit, dass sich die Europäische Zenralbank am heutigen Mittwoch dem internationalen Trend zu niedrigeren Zinsen anschließen wird. Billigeres Geld, so die Hoffnung, könnte die zu erwartende Wachstumsdelle im Euro-Raum wieder ausgleichen. Die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute empfehlen der Europäischen Zentralbank (EZB) eine für den Moment nur "geringfügige" Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte auf 4,25 Prozent. Der Sachverständige Jürgen Kromphardt schloss sich dieser Empfehlung an. Angesichts der spürbaren Verlangsamung der US-Konjunkturentwicklung und des globalen Wachstums hatte sich bereits Anfang des Monats auch der Chef des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler, für einen deutlicheren Beitrag der Europäer zur Belebung der Weltwirtschaft ausgesprochen und die EZB zur Senkung der Zinsen aufgefordert.

Wie stark sich die Erwartungen der Geschäftsbanken hier zu Lande inzwischen auf einen Zinsschritt nach unten konzentrieren, lässt sich an der jüngsten Entwickung am Geldmarkt ablesen. Weil die Institute mehrheitlich auf einen baldigen Zinsschritt nach unten spekulieren, blieb die Notenbank am Dienstag bei ihrem jüngsten Tendergeschäft, mit dem sie die Banken fortlaufenden mit liquiden Mitteln versorgt, auf einem Großteil der Gelder zu einem Mindestbietungssatz von 4,75 Prozent sitzen.

Gleichwohl gibt es auch skeptische Stimmen im Handel und in den Banken, die sich nicht auf eine Zinssenkung am Mittwoch festlegen möchten. Mit Hinweis auf die jüngsten Stellungnahmen einzelner Notenbank-Vertreter, die von einer "abwartenden Haltung" sprachen, rechnen manche Geldmarkthändler und Bankanalysten erst mit einer Entscheidung in 14 Tagen, bei der nächsten Ratssitzung der EZB in Frankfurt . Das würde, so die Argumentation, der Notenbank nicht zuletzt erlauben, ihre Unabhängigkeit zu dokumentieren; auch wenn sie dann mögliche Enttäuschungen an den Aktien- und Devisenmärkten in Kauf nehmen müsste.

Und auch auch in der Frage, wie dringlich ein geldpolitischer Kurswechsel zurzeit wirklich ist, gehen die Meinungen noch weit auseinander. Während der Konjunktur-Experte der Deutschen Bank, Stefan Schneider, von einer Zinssenkung um 0,5 Prozent am Mittwoch ausgeht, und auch DG-Bank-Chefvolkswirt Michael Heise mit nennenswerten Zinssenkungen in den nächsten Monaten rechnet, sehen die Commerzbank-Volkswirte angesichts nach wie vor existierender Inflationsgefahren keine zwingende Notwendigkeit, in Europa die Zinsen nach unten zu schleusen. Tatsächlich hat die EZB nicht zur Aufgabe, Konjunkturpolitik zu betreiben. Vielmehr gilt ihr Hauptaugenmerk der Bekämpfung von Inflationsrisiken. Bei Inflationsraten bis zu zwei Prozent sieht die Notenbank die Preisstablität noch gewährleistet. Zuletzt lagen die Preise im Euroraum aber deutlich über dem selbstgesetzten Ziel. Und angesichts zunehmend höherer Tarifforderungen im Euroraum und dem Zweitrundeneffekt infolge der letzten Ölpreiserhöhungen sind die Stabilitätsgefahren noch nicht gebannt.

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