Wirtschaft : Europäischer Gasmarkt: Experten rechnen damit, dass die Marktöffnung hinausgeschoben wird

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Wenige Wochen vor der geplanten Liberalisierung des europäischen Gasmarktes sehen die deutschen Gaskonzerne dem bevorstehenden Wettbewerb gelassen entgegen. Kaum ein Unternehmen rechnet damit, nach dem 10. August, dem Tag, bis zu dem die europäische Liberalisierungsrichtlinie in deutsches Recht umgesetzt werden muss, Marktanteile zu verlieren. "Es wird auf absehbare Zeit zu keinem Preiskampf, wie etwa im Strommarkt, kommen", betonte der Vorstand der Westfälischen Ferngas AG, am Rande der in dieser Woche in Nizza stattfindenen Weltgastagung. Der Grund für die Gelassenheit: Zum einen haben sich die Unternehmen noch immer nicht auf eine freiwillige Verbändevereinbarung verständigt, in der die Spielregeln für den Wettbewerb im Gasmarkt in Deutschland festgeschrieben sind. Zum anderen ist der Weltgaspreis seit Jahrzehnten an den Preis des Rohöls gekoppelt. Weil dieser zuletzt stark gestiegen ist, hat Ruhrgas bereits einen Preisanstieg von rund 30 Prozent bis zum Jahresende angekündigt.

Der wichtigste Hinderungsgrund für den Wettbewerb besteht für die Gasmanager allerdings in der Lieferantenstruktur des Rohstoffes Gas. Anders als beim Strom wird Deutschland nahezu ausschließlich aus russischen, norwegischen und holländischen Erdgasvorkommen versorgt. Weil diese Vorlieferanten kein Interesse an einer Preissenkung haben können, glauben die deutschen Gas-Unternehmen nicht an einen Konkurrenzkampf in Deutschland. Auch mit Preissenkungen durch Angebote ausländischer Gasunternehmen wird in Nizza, wo rund 400 Gaslieferanten aus 50 Ländern der Welt zusammen kommen, nicht gerechnet.

Seit sich Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) im Frühjahr mit den Verbänden der Gasindustrie auf ein Eckpunktepapier zur Verbändevereinbarung geeinigt hat, drängt der Minister auf Gleichbehandlung im europäischen Liberalisierungsprozess. Weil gerade Frankreich bei der Umsetzung der Wettbewerbsregeln im Strommarkt stark zurückhängt, will Müller die Liberalisierung anderer Märkte in Deutschland nicht mit Nachdruck einfordern. Experten rechnen deshalb bereits damit, dass der Marktöffnungszeitpunkt im deutschen Gasbereich (10. August) herausgeschoben wird. Für die deutschen Unternehmen bedeutet das, dass sie vorerst keine spürbaren Preissenkungen für Gas durch Wettbewerbsangebote erreichen können.

Der freien Wahl ihres Gaslieferanten steht bei Privathaushalten ohnehin für die kommenden Jahre das noch unklare Abrechnungssystem der Gasunternehmen untereinander im Wege. Die EU-Kommission hat bei den deutschen Gas-Industrieverbänden bereits eine durchschaubarere Kostenkalkulation für den Gastransport angemahnt. Denn im so genannten Eckpunktepapier zur Verbändevereinbarung hat sich die Gasbranche darauf verständigt, den deutschen Markt in drei Zonen, die überregionale, die regionale und die kommunale, einzuteilen.

Die Kritik der EU-Behörde: Ausländische Anbieter müssen, wenn sie Gas zu deutschen Kunden liefern wollen, mit mindestens drei deutschen Unternehmen Durchleitungsverträge abschließen. Dies verhindere jeden Wettbewerb, weil das System zu undurchsichtig und der Preis für das Gas, wenn es beim Kunden ist, nicht mit einheimischen Anbietern konkurrieren könne.

Auch der Vorstandschef der Kassener Wingas GmbH, Burkhard Genge, bezweifelt, dass es bis zum August zu einer Verbändevereinbarung kommen wird, die den faktischen Wettbewerb ermöglicht. In Nizza warnte Genge, dessen Unternehmen der schärfste Konkurrent der Ruhrgas AG ist, den Bundeswirtschaftsminister, bei seinen Bestrebungen zur raschen Gasmarktliberalisierung nachzulassen. Deutschland müsse ganz im Gegenteil Druck auf Brüssel ausüben, damit vor allem Frankreich zur Öffnung der Märkte gezwungen wird. Genge warnte die an der Verbändevereinbarung Beteiligten davor, den Wettbewerb in Deutschland heraus zu zögern.

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