Wirtschaft : Europas Aktienmarkt wird 1998 wachsen

THOMAS KNIPP (HB)

Das US-Investmenthaus Merrill Lynch ist optimistisch: Die Zinsen bleiben stabil, der Dollar steigtVON THOMAS KNIPP (HB)

Das wichtigste Thema des sich zu Ende neigenden Jahres dürfte das Geschehen an den Weltfinanzmärkten sein.Die Analysten des US-Investmenthauses Merrill Lynch mochten bei der Vorstellung ihrer Prognosen in London und New York nicht um den heißen Brei herumreden.Chefvolkswirt James Winder machte klar, daß die Performance an den Weltfinanzmärkten auch 1998 davon abhänge, ob Asien bereit sei, seine Probleme mit Nachdruck zu beheben.Trevor Greetham, globaler Aktien-Stratege, vertrat die Ansicht, daß Asien auf dem noch zu erwartenden Tiefpunkt der Entwicklung energisch zu Werke schreiten werde. Die Analysten betonten, daß die asiatische Krise keine zu großen Auswirkung auf die weltwirtschaftliche Entwicklung haben sollte.Dazu sei das Gewicht der betroffenen Volkswirtschaften im weltweiten Kontext zu klein.Psychologisch aber werde die Krise weiterhin eine signifikante Rolle spielen.Merrill Lynch geht dabei aber nicht vom Bankrott einer Volkswirtschaft in diesem Raum aus.Für die Merrill-Analysten von größerer Bedeutung bei der Beurteilung der weltweiten Chancen und Risiken ist das Wachstum in Amerika.Sie rechnen für 1998 mit einem "moderaten", aber deutlich niedrigerem US-Wachstum von 2,5 Prozent.Der Grund: Die Verbraucher würden sich zunehmend mit Ausgaben zurückhalten, weil ihre Einkommen zurückgehen.Das hänge mit der Tatsache zusammen, daß ein großer Teil des Einkommens in Form von Aktienoptionen gezahlt werde.Wenn der Aktienmarkt aber schlecht laufe, dann sinke auch das Einkommen aus dieser Quelle.Das schwächere Wachstum lasse in den USA 1998 stabile bis fallende Zinsen erwarten.Daher sei mit einer guten Performance amerikanischer Anleihen zu rechnen. Der Aktienmarkt wird nach Einschätzung von Richard McCabe Anfang 1998 neue Höchststände erreichen, dann aber um bis zu 25 Prozent zurückfallen."Hausse-Phasen dauern normalerweise drei bis dreieinhalb Jahre", sagte McCabe.Daher sei die Zeit steigender Kurse für den US-Markt abgelaufen.Mit besonderer Vorsicht betrachtet Merrill Lynch zur Zeit Technologie-Aktien. Deutlich stärker werden die Volkswirtschaften in Europa wachsen.Das durchschnittliche Wachstum werde 1998 bei mehr als 3 Prozent liegen, sagte Analyst David Bowers.Europa profitiere von der Abwertung seiner Währungen.1998 werde sich das in "Gewinn-Überraschungen" von 10 bis 15 Prozent niederschlagen.Zudem würden die europäischen Aktienmärkte positiv auf den immer noch anstehenden Restrukturierungsbedarf reagieren.Das gute Aktienklima in Europa werde dadurch gefördert, daß die deutsche Niedrigzinspolitik die Renditen auf dem Kontinent niedrig halte.Die Analysten setzen vor allem auf die Aktienmärkte der Niederlande, der Schweiz und Englands.Den deutschen Aktienmarkt untergewichten die Analysten.Der Grund: Deutschland leide noch an den Folgen der Vereinigung und werde daher 1998 nicht so gut wie andere europäische Märkte abschneiden.Insgesamt aber rechnen die Analysten damit, daß Europa besser abschneidet als der Rest der Welt.Merrill Lynch übergewichtet europäische Aktien daher. Beim Blick auf die Märkte in Asien ist nach Meinung von Merrill derzeit noch Vorsicht angesagt."Es wird sicher noch schlimmer, bevor es besser wird", lautet das Motto.Doch ab Mitte des Jahres sollte sich die Lage verbessern.Vor allem in Hongkong und in Japan sehen die Analysten attraktive Anlagechancen.Optimistisch ist Merrill Lynch auch beim Dollar.Devisen-Analyst Michael Rosenberg prognostiziert, daß der Dollar 1998 bis auf 1,85 oder 1,90 DM steigen wird.

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