Wirtschaft : Europas Fußball im finanziellen Abseits

Keith Johnson

Die großzügigen Geldgeber der europäischen Fußball-Ligen können nicht mehr zahlen. Nicht nur die Kirch-Gruppe musste Insolvenz beantragen, auch im britischen Bezahl-Fernsehen wird das Geld knapp: Der digitale Kanal ITV steht vor dem finanziellen Aus. Und in Schottland haben vor kurzem die Streitigkeiten über die Fernsehrechte sogar zur Selbstauflösung der schottischen Premier League geführt.

Dennoch stellt sich die Frage, ob ein Ende der gigantischen Einnahmen durch den Verkauf der Fernsehrechte dem europäischen Fußball tatsächlich schadet. Schließlich haben es die meisten europäischen Fußballvereine schon zu Ruhm und Ehre gebracht, als für die TV-Rechte noch vertretbare Summen gezahlt wurden. Die TV-Gelder, die derzeit gezahlt werden, haben ihren Höchststand erreicht. Und da ist ein mögliches Ende der Zahlungen in Millionenhöhe für den Fußball in Europa nicht die schlechteste Nachricht. Der Fußball könnte sogar profitieren, wenn jetzt wieder mehr Wert auf Jugendarbeit gelegt wird und die Vereinsführungen zu einer Neuausrichtung ihrer Geschäftsstrategien gezwungen sind.

In den vergangenen zehn Jahren bescherten die TV-Rechte den europäischen Vereinen einen wahren Geldsegen: So kletterten beispielsweise die Preise für die Rechte an der englischen Premier League seit 1992 von 30 Millionen auf 1,1 Milliarden Pfund. Andere Länder verzeichneten ähnliche Steigerungen. Glaubt man allerdings den Schwarzmalern, besiegelte die Kirch-Pleite vor allem das Ende vieler kleiner Klubs. Denn die Kleinen seien zum Überleben auf die Fernseheinnahmen angewiesen.

Tatsächlich haben Klubs in der Zweiten Bundesliga im Vergleich zu ihren größeren Rivalen geringere Einnahmen bei Eintrittsgeldern und Fan-Artikeln. Deshalb bestreiten sie auch rund die Hälfte ihrer Einnahmen aus den Fernseherlösen. Bei den Erstligisten, wie etwa den spanischen Spitzenvereinen, machen die Fernsehgelder durchschnittlich ein Drittel der Einnahmen aus.

Das bedeutet allerdings nicht, dass neue Fernsehverträge die verschuldeten Zweitligisten in die Insolvenz treiben. "Es gibt immer genügend Retter", sagt der Fußball-Ökonom Stefan Szymansky vom Londoner Imperial College und Mitautor des Buches "Gewinner und Verlierer: Die Geschäftsstrategie im Fußball". In England, so betont Szymansky, seien in den letzten 80 Jahren nur sechs Klubs wirklich Pleite gegangen - verglichen mit anderen Wirtschaftsbereichen eine bemerkenswert geringe Ausfallquote. Zahllose andere Vereine haben einen Käufer gefunden, wie etwa Londons Fulham. Der Verein wurde von dem ägyptischen Geschäftsmann und Harrods-Eigentümer Mohamed Al Fayed gekauft und dadurch vor dem Abstieg in die Drittklassigkeit bewahrt.

Suche nach Verdienstmöglichkeiten

Wenn die Überweisungen für die Übertragungsrechte eintrafen, brauchten die Klubs ihre Mannschaften nur noch auf den Platz zu schicken. Und weil die Vereine allein dafür Millionen kassierten, verpassten sie es, neue Einnahmequellen zu erschließen. "Die TV-Gelder waren leicht verdient und die Vereine glaubten, dass sie sich alle drei Jahre steigern würden", sagt Oliver Butler, Herausgeber des Magazins Soccer Investor. Nun seien die Klubs gezwungen, sich nach anderen Verdienstmöglichkeiten umzusehen. Und so schauen viele nach England, wo neben Werbeverträgen und Fan-Artikeln auch das Internet Erlöse in die Vereinskassen bringt. Manchester United hat sich zur globalen Marke entwickelt und ist bei der Vermarktung des Fußballs europaweit zum Maß aller Dinge geworden.

Die Italiener ziehen jetzt nach: Die Familie Agnelli will ihr einstiges Spielzeug Juventus Turin zu einem soliden Unternehmen machen und hat den Verein an die Börse gebracht. Den italienischen Fans gefällt das allerdings gar nicht. Sie werfen den Vereinen vor, dass das Management nur noch auf gute Bilanzen anstatt auf sportliche Trophäen aus sei. In den Endrunden der europäischen Champions League fehlen die italienischen Klubs schon im zweiten Jahr in Folge.

Der Wettbewerb wird auch in diesem Jahr von spanischen Vereinen dominiert, die im Geldausgeben keine Grenzen zu kennen scheinen. Die Fernseheinnahmen haben die Gehälter und Transfersummen in astronomische Höhen steigen lassen. Dennoch waren die europäischen Vereine bislang zu keinen Einschränkungen bereit. "Die jetzige Situation wird die Klubs vielleicht zum Einlenken bewegen", sagt Szymansky. Zwar haben die Vertreter der größten europäischen Fußballvereine auf ihrem letzten Treffen anerkannt, dass Vergütung und Ablösesummen für die Profis außer Kontrolle geraten sind. Doch anstatt verbindliche Verdienstgrenzen zu befürworten, setzt man auf freiwillige Selbstkontrolle. Ein Schritt indie richtige Richtung wäre die Verbesserung der Jugendarbeit: Denn für Profi-Vereine ist es preiswerter, sich aus dem Kader eigener Talente zu bedienen als internationale Stars einzukaufen. Den einheimischen Fans gefiele dies ohnehin besser.

Mehr Geld für den Nachwuchs

Der englische Verein Leeds United geht diesen Weg und hat große Teile seines Transfer-Etats in den Jugendbereich umgeschichtet. Die Strategie hat macht sich bezahlt: Im vergangenen Jahr hat das milchgesichtige Team große Namen aus der Champions League geworfen. Selbst Real Madrid, berüchtigt für exorbitante Vertragssummen, will den Nachwuchsbereich ausbauen. "Wir verfolgen eine Strategie der Zidanes und Pavonnes", erzählt Madrids sportlicher Direktor Jorge Valdano. Die Anspielung auf Zinedine Zidane zielt auf den Transfer des Mittelfeldspielers für die Rekordsumme von 77 Millionen Euro, während Francisco Pavonne aus der Madrid-Jugend kam und sich mittlerweile einen Platz in der Stamm-Elf erspielt hat. "Der Jugendbereich wird in den kommenden Jahren unsere Rettung sein", betont Valdano.

Wenn große Vereine mehr Wert auf die Entwicklung der jungen Spieler legen, könnten auch die Klubs in den unteren Ligen profitieren. Die haben es nicht nur schwerer, Fernsehverträge und Zuschauer anzuziehen. Auch der Nachwuchs macht einen Bogen um die kleinen Vereine und trainiert lieber in den noblen Sportkomplexen der großen Teams. "Die derzeitige Krise wird die Jugendarbeit nach dem Muster von Leeds United befördern", meint Herausgeber Buttler. Die Vereine in den unteren Ligen könnten dann ihre Mannschaften durch halb-berufliche Nachwuchs-Teams ersetzen. Diese "Feeder-Teams" spielen im normalen Betrieb der unteren Ligen und werden durch die großen Vereine finanziert. Das Modell ist in den amerikanischen Ligen bereits bei vielen Sportarten verbreitet und wird auch in Spanien und Portugal immer populärer.

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