Wirtschaft : Europas Regionalpolitik: Autobahnen, Airports und Arbeitsplätze

Ralph Schulze

Spanien ist ein ziemlich trockenes Land, jedenfalls was Trinkwasser anbelangt. Dafür regnen die EU-Gelder in dieser heißen Region so reichlich vom Himmel wie sonst nirgendwo. Doch zu viele Geschenke verwöhnen offenbar. Allein der Gedanke an die kostspielige EU-Erweiterung Richtung Osten, die das Kuchenstück für Spanien vom Jahr 2007 an verkleinern wird, bereitet dem spanischen Regierungschef Jose Maria Aznar heftiges Bauchgrimmen.

Knapp acht Milliarden Euro überweist Brüssel den Spaniern jedes Jahr aus den nun zur Diskussion stehenden Kohäsions- und Strukturfonds. Das kommt immerhin gut sechs Prozent des spanischen Staatshaushaltes gleich. Arbeitsplätze, Autobahnen und Airports wurden mit dieser europäischen Hilfe aus dem Boden gestampft. Jeder Spanien-Urlauber, der schon mehr als einmal auf der iberischen Halbinsel unterwegs war, hat mit eigenen Augen sehen können, dass dieses Land mit 40 Millionen Einwohnern einen rasanten Wandel durchmacht: Spanien mauserte sich binnen 20 Jahren vom Armenhaus zu einer mittleren Wirtschaftsmacht.

Der Geldregen geht sogar über Regionen nieder, denen es eigentlich schon ganz gut geht - wie etwa Mallorca. "Der Bau dieses Terminals wird von der EU kofinanziert", konnten hunderttausende Mallorca-Urlauber staunend auf dem Flughafen Son Sant Juan vor den Toren Palmas lesen. Der Son Sant Juan, zweitgrößter Flughafen Spaniens, gilt nun als einer der modernsten Airports Europas. Auch dass die rund acht Millionen Urlauber, die jedes Jahr Mallorca überfluten - meist - genügend Wasser zum Trinken oder Duschen zur Verfügung haben, ist der EU zu verdanken. Die gerade frisch eingeweihte Meerwasser-Entsalzungsanlage ist fast gänzlich von Europa bezahlt worden.

Der Tourismus, Spaniens wichtigster Wirtschaftszweig, hat also sein Aufblühen nicht nur der ewigen Sonne, sondern zugleich dem nicht endenden Geldstrom zu verdanken, der seit dem spanischen EU-Beitritt 1986 immer kräftiger anschwoll. Die Baleareninsel Mallorca ist heute eine der reichsten Regionen Spaniens. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Insulaner liegt laut EU-Statistik bei 119 Prozent des Europamittels, die Arbeitslosigkeit dümpelt bei gerade fünf Prozent. Aber der Wohlstand auf den vier Baleareninseln Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera ist halt sehr ungleich verteilt. Dem Tourismusgewerbe geht es relativ gut, den Bauern und der Industrie ziemlich schlecht.

Ein Pappenstiel, verglichen mit den 7,84 Milliarden Euro, mit denen Andalusien, Spaniens ärmste, aber auch spanischste Region, in den kommenden sechs Jahren aufgepäppelt wird. Andalusien ist Ziel-1-Förderregion, dazu zählen alle EU-Gebiete, in denen das Pro-Kopf-Einkommen weniger als 75 Prozent des EU-Mittels beträgt. Das größte Problem dieses Territoriums um die Regionalhauptstadt Sevilla herum ist denn auch die hohe Arbeitslosigkeit: Sie beträgt rund 23 Prozent nach der per Umfrage von Spanien ermittelten Zahl, die in die EU-Statistik einfließt. Aber erstaunlicherweise nur fast die Hälfte, nämlich 12,5 Prozent, wenn man die beim andalusischen Arbeitsamt Gemeldeten berücksichtigt.

Dieser Widerspruch zwischen den beiden Quoten lässt zuweilen den Verdacht aufkommen, dass manche Regionen ihre Arbeitslosenquoten für die EU aufblähen - denn viele statistische Arbeitslose bedeuten auch viel Brüsseler Geld.

So sind mehr als 2,1 Milliarden Euro der Andalusienhilfe allein der Aus- und Fortbildung von Arbeitskräften und der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zugedacht. Ein weiterer dicker Batzen, 2,8 Milliarden Euro, werden für neue Straßen, Autobahnen und Schienenstrecken ausgeschüttet. Denn wenn der Verkehr nicht vom Fleck kommt, kann auch die Wirtschaft nicht laufen. Spaniens gesamtes Schnellstraßenetz, über das im Sommer die Urlauberkolonnen zum Strand rollen, ist ein Produkt großzügiger Hilfe aus Brüssel.

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