Wirtschaft : Europas späte Einsicht

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Es gab Momente, da verspürte man in Europa Schadenfreude: Immer dann, wenn ein launischer Diktator von Kuba aus seine Grimassen in Richtung der USA schnitt. Dies hätte manch Europäer nämlich gerne selbst getan, so dass man den Spaß aus der Ferne genoss. Doch die Freude am alten Fidel in Havanna ist vielen vergangen. Nicht genug, dass er seine Kubaner schneller hinrichten und einsperren lässt als je zuvor. Auf seine alten Tage legt er sich auch mit Europa an.

Der Wandel kam überraschend. Fidel Castro hatte für die Europäer stets mehr übrig als für Amerika. Er konnte nicht alle als Feinde bezeichnen. Sonst hätte er sich als so paranoid entblößt, wie er tatsächlich ist. Zuspruch von den europäischen Linken und Duldung durch die Rechten haben ihm geholfen, die Maschinerie politischer Unterdrückung über die Zeit zu retten. Als die Sowjetunion, Castros Schutzpatron, im Nichts der Geschichte unterging, musste er den Dollars der Touristen nachjagen. Sein Finanzbedarf war so gewaltig, dass es ihn nicht einmal kümmerte, wenn die Besucher außerhalb ihrer Hotels auf die Armut seines InselParadieses stießen. Viele waren ohnehin nicht in der Lage, die Verbindung zwischen Kommunismus und Verarmung zu erkennen.

Doch die Nachricht über die Verhaftung von 75 Dissidenten und die drei Todesurteile für Fluchtversuche sorgen auch in Europa für Unbehagen. Erst in diesem Monat beschloss die EU, ihren Kuschelkurs gegenüber Kuba zu überprüfen. Laut einer Stellungnahme ist man „zutiefst besorgt über die wiederholte Verletzung von Menschenrechten und Grundfreiheiten“. Damit nicht genug. In der nächsten Woche will man bei Gesprächen mit Washington nach einer gemeinsamen Linie suchen, wie mit Diktaturen wie im Iran oder auf Kuba umzugehen sei.

Die Antwort aus Kuba folgte in der vergangenen Woche in Form von Demonstrationen. Noch immer kann Castro solchen „Protest“ wie auf Knopfdruck vor den Botschaften Italiens und Spaniens aufmarschieren lassen. Mit dem Vokabular eines Straßenlümmels nannte er die Regierungschefs dieser Länder „Faschisten“, „Diebe“ und „Feiglinge“. Es ist bedauerlich, dass einige Europäer 44 Jahre brauchten, um Castros wahres Gesicht zu erkennen. Trotzdem ist die späte Einsicht zu begrüßen.

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