Wirtschaft : Europas Talente

Ein Drittel der EU-Beamten geht bis 2020 in Rente.Ersatz muss her, aber die Einstiegshürden sind hoch.

Michael Brächer
Gar nicht spröde. Der Job bei der EU ist abwechslungsreich, den Beamten stehen viele Einsatzmöglichkeiten offen. Deutsche sind besonders gefragt – sie bewerben sich nur zu wenig. Foto: AFP
Gar nicht spröde. Der Job bei der EU ist abwechslungsreich, den Beamten stehen viele Einsatzmöglichkeiten offen. Deutsche sind...Foto: AFP

David Bearfield ist auf der Suche. Der Chef des Europäischen Amts für Personalauswahl (Epso) hat den Vereinten Nationen, der Nato und anderen internationalen Organisationen den „Krieg um Talente“ erklärt. Der Epso-Chef sucht nicht nur vielversprechende Aspiranten für Ministerrat, Parlament und Kommission, sondern auch für diverse europäische Agenturen, vom Experten für Wettbewerbsrecht über den Übersetzer für slawische Sprachen bis zum Entwicklungshelfer. Und die Lage spitzt sich zu, denn bis 2020 wird ein Drittel der derzeitigen 55 000 EU-Mitarbeiter in Rente gehen.

Um die besten Nachwuchskräfte zu finden, bearbeitet Bearfields Amt allein in diesem Jahr rund 44 000 Bewerbungen aus den 27 Mitgliedstaaten. Neben der Möglichkeit, die Zukunft der EU mitzugestalten, locken attraktive Gehälter und die Vorzüge des Beamtenlebens.

Doch die Einstiegshürden sind hoch: Nur einer von hundert Bewerbern übersteht den sogenannten Concours, den als besonders hart geltenden Einstellungstest der EU, sagt Epso-Chef Bearfield. Und selbst dann ist man noch nicht am Ziel: Die Bewerber landen zunächst auf einer Warteliste. Erst wenn in den EU-Institutionen eine Stelle frei wird, greifen die EU-Personaler auf diese Reserveliste zurück.

Länderquoten gibt es nicht. Derzeit ist Deutschland in Brüssel unterrepräsentiert: Obwohl die Bundesrepublik rund 16 Prozent der europäischen Bevölkerung stellt, sind nur 6,9 Prozent der EU-Mitarbeiter Deutsche. Allerdings: Unter den 308 erfolgreichen Bewerbern des letzten allgemeinen Auswahlverfahrens im Jahr 2010 befanden sich 56 Deutsche, mehr als aus jedem anderen EU-Land. „Aus Deutschland kommen relativ wenig Bewerber, doch die sind dafür sehr erfolgreich“, sagt Epso-Chef David Bearfield.

Zu denen, die den Einstieg bei der EU geschafft haben, zählt Rebekka Wiemann. Im vergangenen Jahr nahm die Emderin an einem speziellen Auswahlverfahren für Rechts- und Sprachsachverständige teil, seit Februar arbeitet sie für den Ministerrat. „Einfache Fragen gab es nicht“, sagt die 29-Jährige, die ein zweitägiges Vorbereitungsseminar des Auswärtigen Amts für deutsche Concours-Teilnehmer besuchte und mit Freunden englische und französische Bewerbungsgespräche simulierte. Jetzt wacht sie für den Rat gemeinsam mit ihren Kollegen darüber, dass Gesetzesentwürfe juristisch korrekt in die 23 Amtssprachen der Union übersetzt werden.

Mit spröder Beamtenroutine hat ihre Aufgabe nichts zu tun: Fast täglich liest sie sich in neue Themengebiete ein. Gesetzesentwürfe sieht sie schon oft, bevor die Presse davon auch nur etwas ahnt. Das macht die Arbeit spannend. Ihre Begeisterung für Europa entdeckte die Juristin, als sie eine Station ihres Referendariats in Brüssel absolvierte. „Damals wurde mir klar, dass ich bleiben möchte.“ Noch während Wiemann bei einem Forschungsaufenthalt an der US-Elite-Universität Harvard ihre Doktorarbeit schrieb, bewarb sie sich bei der EU. Um bei den mehrstufigen Tests dabei zu sein, flog die Mutter einer kleinen Tochter zweimal nach Europa und wieder zurück.

Eine klassische Beamtentugend müssen alle EU-Anwärter beweisen: Geduld. Rund neun Monate vergehen von der ersten Ausschreibung einer Stelle bis zum ersten Tag im neuen Job. Das ist bereits eine beachtliche Beschleunigung des Verfahrens, denn früher dauerte ein Concours rund zwei Jahre. Wegen der langen Vorlaufzeit bewerben sich die meisten EU-Anwärter von anderen Arbeitsstellen aus – so auch Rebekka Wiemann. „Mir war es wichtig, eine Alternative zu haben, falls es nicht gleich klappt“, sagt die Juristin.

Wem der Einstieg gelingt, dem winken zahlreiche Annehmlichkeiten. Nach einer neunmonatigen Probezeit wird der Arbeitsvertrag entfristet und EU-Beamte sind dann so gut wie unkündbar. Dazu kommt eine attraktive Bezahlung plus Premium-Krankenversicherung. Für den Nachwuchs gibt es nicht nur Betriebskindertagesstätten, sondern auch kostenlose, mehrsprachige Europaschulen.

Dabeibleiben lohnt sich, denn alle zwei Jahre steigen Beamte eine Besoldungsstufe auf. Und wer sich eine berufliche Auszeit gönnen möchte, kann seine Tätigkeit bis zu 15 Jahre lang ruhen lassen. Auch ein längeres Sabbatical ist kein Problem, wenn man sich – so wie Peter Altmaier – in ein öffentliches Amt wählen lässt. Seit 1994 ist der deutsche Bundesumweltminister von der EU-Kommission beurlaubt.

Solche Konditionen mögen für so manchen paradiesisch klingen, doch auch in Brüssel muss gespart werden. Im letzten Jahr kündigte der fürs Personal zuständige EU-Kommissar Maros Sefcovic an, die Anzahl der EU-Beschäftigten um fünf Prozent zu reduzieren – und das, während immer neue Aufgaben an die Union übertragen werden. Eine Milliarde Euro will der slowakische Kommissar sparen. Wie genau, wird noch diskutiert.

Schon jetzt kommen viele EU-Mitarbeiter gar nicht in den Genuss der Beamtenprivilegien, weil sie als sogenannte „Temporary Agents“ nur auf Zeit beschäftigt sind. Gut 1300 solcher „Zeitarbeiter“ arbeiten allein für die EU-Kommission. Sie sollen vor allem dort einspringen, wo Kollegen ausfallen oder die Arbeitsbelastung zunimmt. Doch der Gewerkschaftsverbund „Union Syndicale“ wirft der Kommission vor, die Temporary Agents als günstigen Ersatz für reguläre Beamtenstellen zu missbrauchen. „Die Beamten kleben an ihren Stühlen, während wir uns abrackern“, sagt etwa ein für Entwicklungshilfe zuständiger Mitarbeiter der EU-Kommission, dessen Vertrag demnächst ausläuft. Die auf maximal drei Jahre befristeten Arbeitsverhältnisse werden mit 1600 bis 5800 Euro vergütet. Viele Mitarbeiter auf Zeit nutzen die Gelegenheit dafür, um bei einem Concours für eine Festanstellung mitzumachen.

Denn wer einmal EU-Beamter ist, dem stehen viele Einsatzmöglichkeiten offen, wie das Beispiel von Beate Gminder zeigt. Die 46-jährige Deutsche fährt viel mit dem Fahrrad. Die Wege im Europaviertel sind kurz – auch das schätzt die Reutlingerin, die seit 17 Jahren in den Diensten der EU steht, an ihrer Wahlheimat. Angefangen hat sie nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München, als sie sich für den Concours anmeldete. Ihre Beamtenlaufbahn begann bei der deutschen Vertretung der EU-Kommission in Bonn, zwei Jahre später wechselte sie nach Brüssel. Dort wurde sie Pressesprecherin des irischen Verbraucherschutzkommissars David Byrne und beantwortete kritische Fragen ihrer einstigen Medienkollegen zur damaligen BSE-Krise.

Danach hatte die Diplom-Journalistin genug von der Pressearbeit: Sie wurde Kabinettsmitglied in der EU-Kommission, leitete anschließend eine IT- und Personalabteilung und wechselte zur Generaldirektion für Meeres- und Fischereifragen, wo sie derzeit ein Projekt zur gemeinsamen Überwachung der europäischen Meere durch die EU-Mitgliedstaaten leitet. Solche Karrieren sind typisch für Brüssel.

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