Wirtschaft : Europas Zentralbank in der Klemme

Der starke Euro verlangt eine Zinssenkung – die hohe Inflationsrate eine Verteuerung des Geldes

Stefan Kaiser

Berlin - Als die amerikanische Notenbank am Mittwochabend die Zinsen senkte, reagierte der Euro prompt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte sprang der Kurs über die Marke von 1,45 Dollar. Am Donnerstag gab er zwar wieder leicht nach, doch der Trend bleibt atemberaubend: Seit Anfang September, kurz bevor die US-Notenbank die Zinsen zum ersten Mal senkte, hat der Euro gegenüber dem Dollar um fast zehn Prozent an Wert gewonnen.

Auf die Europäische Zentralbank (EZB) wächst nun der Druck, den Höhenflug des Euro ihrerseits mit einer Zinssenkung zu stoppen. In der nächsten Woche treffen sich die obersten Währungshüter um über das künftige Vorgehen zu beraten. „Ob sich die EZB dem Trend aus den USA dann noch lange entziehen kann, ist fraglich", sagt Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank in London. Er sieht in der rasanten Aufwertung des Euro eine der größten Gefahren für die Konjunktur in Europa. Der hohe Eurokurs lastet besonders auf der deutschen Exportwirtschaft. „Unternehmen, die im Dollar-Raum handeln, haben zunehmend Probleme“, sagt Niels Oelgart, Währungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Noch sieht er zwar keine Konjunkturschwäche durch den Höhenflug des Euro. Der anhaltende Trend sei aber bedenklich

Klare Signale für eine Zinssenkung also? Mitnichten. Denn genauso deutlich sind die Anzeichen für eine Zinserhöhung: Die Verbraucherpreise sind im September und Oktober so stark gestiegen wie seit zwei Jahren nicht mehr. Brot, Butter, Diesel und Benzin – all das ist nicht nur in Deutschland erheblich teurer geworden. In der Euro-Zone liegt die Inflationsrate bei 2,6 Prozent – und damit weit über der Zielmarke der EZB von knapp zwei Prozent. Auch der Ölpreis springt von einem Rekordhoch zum nächsten und nähert sich der Marke von 100 Dollar pro Barrel (159 Liter). Aus Angst vor der Inflation flüchten Anleger ins Gold und treiben auch hier den Preis auf den höchsten Stand seit 27 Jahren.

Im Entscheidungsgremium der EZB, dem Rat, dringen deshalb vor allem die deutschen Vertreter auf weitere Zinserhöhungen, um dem Preisauftrieb entgegenzuwirken. „Die Risiken für die Preisstabilität haben in den vergangenen Wochen zugenommen“, sagt Bundesbank-Präsident Axel Weber. Er könne deshalb nicht ausschließen, dass die EZB weitere Schritte unternehme.

Experten bezweifeln, dass Weber sich durchsetzen wird. „Die Chancen stehen schlecht, dass wir eine Zinserhöhung in diesem Jahr bekommen werden“, sagt Thorsten Polleit, Chefökonom bei Barclays Capital und Professor an der Frankfurt School of Finance & Management. „Derzeit dominieren die Sorgen um die Konjunktur und die Stabilität des Finanzsektors.“ Polleit plädiert für eine Zinserhöhung, auch wenn das die Kredite verteuern und die Konjunktur belasten würde. „Lieber eine kleine Konjunkturbeule als sich weiter einen Kater anzutrinken“, sagt er. Er hält die laxe Geldpolitik der Notenbanken für ein Übel. Die niedrigen Zinsen der vergangenen Jahre hätten die heutige Krise an den Finanzmärkten erst möglich gemacht, sagt Polleit. Das billige Geld habe dazu geführt, dass ungehemmt Kredite vergeben wurden.

Polleit steht mit dieser Kritik nicht alleine dar. „Die Diskussion, inwieweit die Fed selbst schuld ist an der Misere, hat bleibenden Eindruck hinterlassen“, sagt Hans Jäckel, Chefvolkswirt der DZ Bank. Er glaubt deshalb nicht, dass die Notenbank alte Fehler wiederholen wird. „Wir erwarten in den USA noch eine Zinssenkung bis Jahresende. Ab Mitte nächsten Jahres sollten die Zinsen aber wieder steigen.“ Die EZB müsse die Schritte nicht mitmachen. „Nach unserer Prognose muss die Europäische Zentralbank in diesem und im nächsten Jahr gar nichts tun.“

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