Eurorettung : Linde-Chef warnt vor Transferunion

Noch im Juni gehörte er zu den 50 Top-Managern, die dazu aufriefen, den Euro zu retten. Jetzt ist Linde-Chef Wolfgang Reitzle der erste unter ihnen, der die Rettung bemängelt.

Linde-Chef Wolfgang Reitzle will die Euro-Rettung – aber nicht um jeden Preis.
Linde-Chef Wolfgang Reitzle will die Euro-Rettung – aber nicht um jeden Preis.Foto: dpa

Als erster namhafter deutscher Manager hat Linde-Chef Wolfgang Reitzle Zweifel an der Euro-Rettung geäußert. In einem am Wochenende veröffentlichten Interview übte Reitzle scharfe Kritik an den Beschlüssen des jüngsten Krisengipfels. Er warnte vor einem Konjunktureinbruch in Deutschland und Schäden für Europa. Als Konsequenz erwägt der Gasehersteller, der zu den Industrie- Schwergewichten hierzulande gehört, eine verstärkte Expansion in Übersee. „Wird die Euro-Krise von der Politik nicht bewältigt, werden wir unser Engagement außerhalb von Europa eben noch stärker ausbauen als ohnehin geplant“, sagte Reitzle der „Wirtschaftswoche“.

Reitzle machte zugleich deutlich, dass er die Ergebnisse des Brüsseler Gipfels zur Bewältigung der europäischen Schuldenkrise für eine falsche Weichenstellung hält. „Der jetzt eingeschlagene Weg hin zu einer Transferunion mit einer zur Bad Bank mutierten Europäischen Zentralbank kann nicht die Lösung sein.“ Seiner Ansicht nach rechtfertigt die Rettung der Gemeinschaftswährung nicht alle Mittel: „Ich bin grundsätzlich für den Euro, aber nicht um jeden Preis – vor allem nicht zum Preis der Sozialisierung der Schulden anderer Länder.“ Die Beschlüsse von Brüssel führten zu einer schleichenden Egalisierung des Zinsniveaus, kritisierte Reitzle. „Das wird die Investitionstätigkeit in Deutschland und in anderen leistungsstarken EU-Ländern bremsen. Damit setzen wir unseren Aufschwung aufs Spiel“, bemängelte er.

Reitzle hatte noch im Juni einen Aufruf von 50 deutschen und französischen Top-Managern unterzeichnet, in dem vor einem Scheitern des Euro gewarnt wurde. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen wurden Finanzhilfen für klamme Länder des Währungsraums gefordert.

Neben einem neuen Hilfspaket für Griechenland hatten die Euro-Staaten eine erhebliche Ausweitung der Befugnisse des Rettungsschirms EFSF beschlossen. Um Staaten rascher stützen zu können, sind künftig auch vorbeugende Kredite möglich. Außerdem kann der Fonds unter strikten Bedingungen Staatsanleihen am Kapitalmarkt aufkaufen. Kritiker sehen darin einen Einstieg in eine europäische Transferunion. Hintergrund der Neuerungen ist die Angst vor einem Übergreifen der Schuldenkrise auf Spanien und Italien.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) verteidigte die Entscheidungen der Euro-Länder. „Wenn Sie eine wirtschaftliche Gemeinschaft eingehen, dann werden bestimmte Dinge gemeinsam getragen, zum Nutzen aller Beteiligten“, sagte der CDU-Politiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Die deutsche Wirtschaft habe große Vorteile durch den Euro. rtr

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