Wirtschaft : Eurotunnel-Chef gibt auf

Verschuldeter Betreiber des Kanaltunnels ohne Führungsspitze

Bernd Hops

Berlin - Eurotunnel, der angeschlagene Betreiber des Kanaltunnels zwischen Frankreich und Großbritannien, muss sich einen neuen Chef suchen. Nur eine Woche vor der Hauptversammlung des Unternehmens reichte der Vorstandsvorsitzende Jean-Louis Raymond seinen Rücktritt ein. Das bestätigte eine Eurotunnel-Sprecherin am Freitag dem Tagesspiegel. Raymond schrieb in einer Erklärung, er habe damit auf die „persönlich motivierte“ fortgesetzte Kritik des Eurotunnel-Präsidenten Jacques Gounot reagiert. Er bleibe aber Mitglied des Verwaltungsrats.

Eurotunnel droht unter seiner Schuldenlast zusammenzubrechen. Erst im vergangenen Jahr hatten unzufriedene Kleinaktionäre – angeführt vom Journalisten Nicolas Miguet – die bisherige Unternehmensführung gestürzt und den Touristikunternehmer Jacques Maillot als Präsidenten durchgesetzt. Auch Raymond kam im Zuge dieses Putsches in sein Amt. Doch bereits im vergangenen Februar räumte Maillot seinen Posten und wurde durch den kaum bekannten französischen Industriemanager Gounon ersetzt. Mit Raymond tritt nun die zweite wichtige Führungsperson ab. Über einen Nachfolger sei noch nicht entschieden worden, sagte die Eurotunnel-Sprecherin dem Tagesspiegel. Darüber werde der Verwaltungsrat kommenden Montag beraten.

Ziel von Maillot und Raymond war es gewesen, die Hauptkreditgeber von Eurotunnel stärker als die frühere Führung unter Druck zu setzen und einen spürbaren Schuldenerlass durchzusetzen. Maillot hatte aber im Zusammenhang mit seinem Rücktritt erklärt, dass die Schuldenrestrukturierung „sehr kompliziert“ sei.

Eurotunnel leidet vor allem unter seinem Geschäftsmodell. Denn die Gesellschaft betreibt zwar den Kanaltunnel, aber nicht den eigentlichen Verkehr. Mit den Gebühren für die Eisenbahngesellschaften, die den Tunnel nutzen, schafft es aber Eurotunnel nicht, Gewinn einzufahren, und hat mittlerweile einen Schuldenberg von etwa neun Milliarden Euro angehäuft. Im vergangenen April wurde dann eine Umschuldung eingeleitet, die die Verbindlichkeiten auf 3,3 Milliarden Euro senken soll. Bis zum 15. Juli muss ein Umschuldungsplan stehen, ansonsten ist schon absehbar, dass das Unternehmen Anfang 2007 pleite ist. Auf staatliche Hilfen – von Frankreich oder Großbritannien – kann Eurotunnel nicht hoffen. Das war bei Auflegung des Projekts fest vereinbart worden.

Eurotunnel versucht jetzt verstärkt, selber ins Transportgeschäft einzusteigen. So erhielt die Tochter Europorte 2 eine Lizenz für internationale Frachttransporte. Dazu wurden auch schon Gespräche zwischen Verwaltungsratschef Gounon, dem französischen Verkehrsministerium und dem EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot geführt. Eurotunnel wird außerdem an den Beratungen über den Ausbau der Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen London und Paris teilnehmen.

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