Wirtschaft : Eva Ernestine Kemlein

Geb. 1909

Marc Neller

Nicht auffallen, nicht eingreifen. Sonst zerstört man die besten Momente. Mai 1945, seit ein paar Tagen ist der Krieg vorbei. Eva Kemlein führt in der Bonner Straße in Wilmersdorf ihren Hund spazieren, als sie Ernst Busch auf der Straße erkennt. Der kommunistische Schauspieler steht in seinem schwarzen Ledermantel vor dem Haus, in dem er bis zu seiner Flucht 1933 gewohnt hat. Aus dem Zuchthaus befreit, ist er gerade zurückgekehrt in die Künstlerkolonie. Von der anderen Straßenseite aus mustert ihn eine blonde Frau mit einem Nerz um die Schultern. Es ist seine Frau, die er nicht sofort erkennt.

„Busch?“ Ihre Frage klingt unsicher, vielleicht täuscht sie sich. – „Buschin?“

Ernst und Eva Busch sehen sich nach Jahren wieder, unversehrt, zufällig auf der Straße. Sie fallen sich in die Arme. Eva Kemlein hat wie immer ihre Leica dabei und drückt auf den Auslöser. Mit dem Bild wird die kindsgesichtige Spaziergängerin mit Hund zur berühmten Fotografin.

Der Zufall hat ihr einen besonderen Moment anvertraut und sie hat ihn erfasst. Sie war da, unbemerkt. Man verscheucht die besten Momente, wenn man einen Augenblick nicht auf der Hut ist, wenn man auffällt oder versucht einzugreifen. Einem Fotografen darf das nicht passieren. So sieht es Eva Kemlein. Sie ist die unauffällige Spaziergängerin mit Hund. Egal, ob sie nach dem Krieg Trümmerfrauen, Zeitungsjungen oder Berliner Originale wie den Strohhut-Emil fotografiert. Bei den Generalproben im Berliner Ensemble richtet sie ihr Objektiv auf Helene Weigel oder Heiner Müller, und die merken es gar nicht.

Selbst wenn sie ohne Kamera bei Freunden zu Gast ist, sitzt sie mit leicht schräg gestelltem Kopf etwas abseits, beobachtet und verharrt so lange reglos, bis man vergessen hat, dass sie da ist. Und wann immer sie geht, geht sie englisch. Erst nach einiger Zeit fällt es auf, dass sie nicht mehr da ist.

Vielleicht war das so, weil sie sich nie für etwas Besonderes hielt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie sich zu lange unsichtbar machen musste, bis hin zur Selbstverleugnung, um zu überleben.

Im Italienurlaub verliebt sich die Tochter wohlhabender jüdischer Eltern, behütet und sorgenfrei aufgewachsen, hoffnungslos in einen, den sie Vagabund nennt. Ein paar Monate später, im Frühjahr 1933, sagt er, er führe jetzt los, mit dem Motorrad durch Europa, ob sie nicht Lust hätte mitzukommen. Dafür müssten sie aber heiraten. Sie sagt: Gut, heiraten wir. Die Tour endet in Griechenland. Er schreibt für deutsche Zeitungen Reportagen, sie fotografiert. Die Bilder entwickelt sie im Kleiderschrank. So verdienen sie ihr Geld, bis es die Nürnberger Rassengesetze gibt und niemand mehr ihre Geschichten kauft. 1937 werden sie aus Griechenland ausgewiesen, die Jüdin und der Arier. Sie lassen sich scheiden, der Form halber. Als auch das die Zeitungs-Redakteure nicht umstimmt, verlässt Herbert Kemlein seine Ex-Frau.

Als sie zurückkommt nach Berlin, lebt nur noch ihre Mutter dort. Die Brüder sind ins Ausland geflüchtet, der Vater ist tot. Sie versteckt sich und lernt den Schauspieler Werner Stein kennen, 21 Jahre älter als sie. Klug, beständig, treu ist er. Man könnte auch sagen: Stein ist wie ein Vater – und das Gegenteil von Kemlein. Er ist bereit, mit ihr alle paar Tage das Versteck zu wechseln und nimmt es hin, dass sie auch dann ihre Kamera nicht verkauft, als sie sonst nichts mehr zu verkaufen haben.

Zu jedem ihrer 300000 Fotos kann sie ganz genau die Szene beschreiben – aber über die Kriegszeit spricht sie auch mit Freunden nicht. Irgendwann war es eben vorbei; ein russischer Offizier hat ihr ein Fahrrad und ein paar Filme geschenkt, und sie konnte endlich in die Künstlerkolonie nach Wilmersdorf ziehen.

Ihre eigene Haltung nennt sie kommunistisch-liberal, auch wenn das kein brauchbarer politischer Begriff ist. Aber um Politik geht es ihr ja nicht, sondern um Ideale. Sie lebt im Westen, umgeben von Schauspielern, Autoren und Romanfiguren. Und arbeitet im Osten, weil dort der kulturelle Wiederaufbau schneller gelingt, wie sie findet. Von Brechts politischem Theater ist sie fasziniert.

Eva Kemlein war die Spaziergängerin mit Hund. Aufgefallen ist sie, wenn sie mit dem Auto unterwegs war. Ihr roter Polo war an allen Seiten verbeult, weil sie immer mal auf die Gegenfahrbahn geriet. Einige Künstler sollen es vermieden haben, die Kolonie zu verlassen, bis sie wussten: Eva Kemleins Auto steht wieder vor der Tür.

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