Wirtschaft : Eva Simon

Geb. 1927

David Ensikat

Als sie erzählte, was ihr zugestoßen war, blieben ihre Augen trocken. Ein bunter, großer Blumenstrauß stand neben ihrem Bett im Krankenhaus. – Hat mir die Frau Teichert mitgebracht. Lieb, nicht?

Frau Teichert hat ihr gar nichts mitgebracht. Der Frau Teichert hatte sie gesagt, dass sie ihr keine Blumen zu schenken brauche. Vielleicht, weil sie davon ausging, dass die ihr ohnehin keine Blumen mitbrächte, und wenn, dann nur so billige. Den Blumenstrauß hat sie sich selbst gekauft. Er sollte den paar Leuten, die zu Besuch kamen, sagen: Seht mal, was für einen großen, teuren Strauß andere mir schenken!

Dies ist die traurige Geschichte der Eva Simon, die als Zwölfjährige ihren Vater sah, der sich gerade aufgehängt hatte. Es war das Jahr 1939, er war Jude. Es ist die Geschichte der Eva Simon, die nach dem Krieg Krankenschwester wurde, einen Arzt kennen lernte, von ihm ein Kind gebar und mit ihm und mit dem Kind verhaftet wurde. Es war das Jahr 1951, sie lebten in West-Berlin und hatten im Osten antikommunistische Flugblätter verteilt. Er, der mutmaßliche Chef einer Propagandistengruppe, wurde in der DDR erschossen, das Kind nahmen sie der Mutter weg, sie kam nach Bautzen, für neun Jahre. Vernehmungen, Schläge mit dem Metallaschenbecher, Einzelhaft.

1960 kam sie zurück nach West-Berlin. In der Kneipe lernte sie kurz darauf Ute kennen. Manchmal kam Eva mit dorthin, weil Gerhard, ihr neuer Lebensgefährte, dort immer sein Bier trank. Ute war die Tochter der Kneipenbesitzerin, für sie war Eva mit den auffälligen Kleidern und den großen Brillen eine Dame von Welt. Die sagte nicht „Kneipe“ sondern „Familienrestaurant“. Mit der konnte man auf dem Ku’damm Schaufenster angucken.

Die Jahre vergingen, Ute wurde groß und Rechtsanwältin, sie lebte ihr eigenes, fernes Leben, Eva arbeitete als Krankenschwester, pflegte Gerhard, der soff, irgendwann vom Baugerüst fiel und im Rollstuhl saß, bis er 1988 starb.

Dann war Eva allein. Es blieben ihr ein paar von Gerhards Verwandten und Freunden, das Kleidergeschäft um die Ecke – und als beste Freundin: wieder Ute.

Ihr hatte sie in den Achtzigern mal anvertraut, was ihr früher zugestoßen war, auch die Sache mit dem Kind. Ute hat geweint, als sie das alles hörte. Evas Augen blieben trocken.

Es ist schwierig, das Verhältnis der Frauen zu beschreiben. Eva wartete auf Utes Anrufe, auf die Besuche. Sie machte Ute Vorwürfe, wenn sie sich nicht pünktlich meldete, wenn sie nicht wenigstens eine Geburtstagskarte schickte. Ute war die einzige, die von Eva weder Geld noch Geschenke erwartete. Um andere bei Laune zu halten, machte Eva Schulden. Ute sagte: Wenn ein Freund 100 Mark fürs Staubsaugen verlangt, dann wirf den raus! Eva tat das nie.

Aber warum kam Ute immer wieder? – Ich habe Evchen irgendwie geliebt, sagt sie. Sie hatte Mitleid mit der niemals frohen Frau, die manchen Leuten stolz verkündete, Ute sei ihre Tochter.

Eva wünschte sich, das Weihnachtsfest in Utes Familie zu verbringen. Ein paar Mal luden sie sie ein – und sie war eine Zumutung. Sie krittelte an den Kindern herum – Ute, da solltest du wirklich etwas konsequenter sein –, sie saß da, mit ihrer Dauerwelle und der großen, bunten Brille, und verströmte schlechte Laune. Irgendwann haben sie sie zum Heiligabend nicht mehr eingeladen.

Und Eva behielt immer die Fassung. Ute dachte: Was für ein armes Leben. Erstaunlich, wie die das nimmt. Dass sie überhaupt nichts unternimmt! Die müsste rausgehen! Freundlich sein!

Eva wartete zwischen Bilderkissen, Kunstblumen und Teddybären ihr Leben ab. Wartete von Anruf zu Anruf, rief selbst nur an, wenn ihr ein echter Anlass einfiel, und schrieb in ihren Kalender wer sich wann gemeldet hatte. Am 13. Mai 1990 schrieb sie: „Ute angerufen. Sie hat zum Muttertag gratuliert. Ist lieb. Aber, wo ist mein Junge? Er wäre heute 39 Jhr. alt.“

Warum sie ihren Sohn nicht suche, wollte Ute wissen. – Der ist bestimmt in einer 150-prozentigen Kommunistenfamilie aufgewachsen, sagte Eva. – Das tu’ ich mir nicht an.

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