Ex-Arcandor-Chef im Interview : „Ich habe mit aller Kraft für Karstadt gekämpft“

Thomas Middelhoff, ehemals Chef von Arcandor, über die Insolvenz des Kaufhaus- und Tourismuskonzerns, Nicolas Berggruen und Luxusreisen.

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Vor Gericht. Im Zusammenhang mit der Arcandor-Pleite steckt Thomas Middelhoff in mehreren Prozessen.
Vor Gericht. Im Zusammenhang mit der Arcandor-Pleite steckt Thomas Middelhoff in mehreren Prozessen.Foto: dpa

Herr Middelhoff, gerade gibt es neue Spekulationen über eine Deutsche Warenhaus AG, die Verschmelzung von Karstadt und Kaufhof, die Sie als Arcandor-Chef wollten. Hat Karstadt allein eine Chance?

Ich bin überzeugt, dass es zu einem Zusammenschluss beider Unternehmen kommen muss. Es ist nicht genug Platz am Markt für zwei Warenhauskonzerne. Wettbewerb mit dem gleichen Geschäftsmodell über die Straße funktioniert nicht.

Was denken Sie, wenn Sie sehen, wie sehr Karstadt kämpft?
Das schmerzt mich sehr. Ich habe versucht, mit allen Mitteln und Kräften die mir zur Verfügung standen, dafür zu sorgen, dass Karstadt zukunftsfähig wird. Es ist hart mit anzusehen, wie die Erosion des Unternehmens fortschreitet, ohne dass die Wende absehbar ist.

Was raten Sie dem Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen?
Ich kann nur hoffen, dass neben allen notwendigen operativen Anstrengungen auch die genannten strukturellen Entscheidungen getroffen werden, um Karstadt wieder wettbewerbsfähig zu machen.

Kennen Sie Berggruen persönlich?
Ich kenne ihn flüchtig, er hat mich 2008 in meinem Haus in Südfrankreich besucht. Ansonsten haben wir keinen Kontakt.

Berggruen sucht einen neuen Chef. Sie wollen Karstadt nicht retten?
Ich bin froh, nun BT Capital zu haben.

Ihre neue Firma mit Sitz auf den Virgin Islands. Was machen Sie da genau?
BT Capital ist ein Medien- und Finanzunternehmen, das Bruno Wu und ich leiten. Wir suchen weltweit nach Beteiligungen und Investoren. Unter dem Dach der Holding vereint BT Media verschiedene Medien- und Internetfirmen. BT Enterprise bündelt Firmen und Beteiligungen außerhalb des Medienspektrums. Und schließlich BT Capital, wo es um Private Equity und Hedgefonds geht.

Finanzprodukte mit hohem Risko.
Wir zielen nicht auf Privatanleger, sondern auf die großen chinesischen institutionellen Investoren.

Was haben Sie in das Gemeinschaftsunternehmen mit Bruno Wu investiert?
Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Woher kennen Sie Herrn Wu?
Wir haben uns 2001 kennengelernt, als ich für Bertelsmann an einer Chinastrategie arbeitete. Ich wollte Bertelsmann dort als Marke etablieren. Auf der Suche nach Partnern stieß ich auf Bruno Wu, damals ein junger Medienunternehmer.

In Deutschland wird Ihnen die Pleite des Warenhaus- und Tourismuskonzerns Arcandor, zu dem auch Karstadt und Quelle gehörten, angelastet.
Als ich das Amt als Arcandor-Chef 2004 antrat, habe ich gesagt, dass der Konzern am Abgrund steht. Ein Jahr später blieben die Kredite aus. Dann habe ich die Immobilien verkauft, um die enorme Verschuldung zu senken. Nur, um mir dann vorwerfen zu lassen, ich würde das Tafelsilber des Unternehmens verhökern. Bevor das Restrukturierungsprogramm beendet war, kam die Finanzkrise. Doch ich betone: Als ich Arcandor verließ, war von Insolvenz nicht die Rede.

Der ehemalige Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg sagt, Sie hätten das Unternehmen runtergewirtschaftet.
Selbst Leo Herl (Anm. der Red.: früherer Karstadt-Aufsichtsrat und Ehemann von Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz) hat vorm Essener Landgericht im Prozess ausgesagt, dass zu meiner Zeit niemand mit einer Pleite gerechnet hat. Das Konzept Planinsolvenz wurde entwickelt, nachdem ich weg war. Mein Nachfolger Karl-Gerhard Eick trägt hierfür die Verantwortung. Er hat die Planinsolvenz beschlossen und ist gescheitert. Die ehemaligen Vorstände, auch die Betriebsräte, haben das bestätigt.

Gerade sind Sie vom Landgericht Essen verurteilt worden, dem Arcandor-Insolvenzverwalter Hans-Gerd Jauch 3,4 Millionen Euro zu zahlen – ein Sonderbonus, ein Sponsoring-Vertrag und Flugkosten, die Sie privat hätten tragen müssen.
Da sehen Sie mal, was von den 16 Millionen Euro übrig geblieben ist, die der Insolvenzverwalter von mir haben wollte. Hinzu kommt, dass mich von den 3,4 Millionen Euro persönlich kaum etwas trifft. Sollte die Verurteilung zur Rückzahlung des Bonusses Bestand haben, müssten hierfür die Mitglieder des Ständigen Ausschusses einstehen, die ihn gewährt haben. Das Geld für den Sponsoringvertrag mit der Universität Oxford muss sich Jauch von der D&O-Versicherung zurückholen. Gleiches gilt für die Kosten einer Festschrift und eines Symposiums. Ich müsste nur die Flugkosten in Höhe von 127 000 Euro tragen.

Das Gericht ist der Meinung, dass Ihr Millionenbonus nicht gerechtfertigt war, weil bei Zahlung klar war, dass Sie bei Arcandor ausscheiden. Haben Sie sich bereichert?
Das Gericht meint, es fehle die für einen solchen Bonus notwendige Incentive-Funktion. Meine Anwälte halten dem entgegen, dass mir der Bonus gewährt wurde, um motiviert zu sein, drei überlebenswichtige Projekte für Arcandor auch nach meinem Ausscheiden weiter umzusetzen, auf Basis eines Beratervertrages. Hätte mein Nachfolger Eick die drei Großprojekte weiterverfolgt, wäre es nie zur Insolvenz gekommen.

Um welche Projekte geht es?
Ich meine die Fusion von Karstadt und Kaufhof, den Zusammenschluss von Primondo mit Redcats und einen Teilverkauf von Aktien von Thomas Cook. Das waren Aufträge an mich seitens des Aufsichtsrates und der Großaktionärin Madeleine Schickedanz. Das entsprach aber offenbar nicht der Auffassung von Herrn Eick, der andere Pläne hatte.

Jauch fordert von Ihnen 175 Millionen Euro für Managementfehler wegen des umstrittenen Verkaufs der Karstadt-Immobilien.
Die Managementfehler soll mein Vor-Vorgänger Wolfgang Urban begangen haben, der die vom Insolvenzverwalter aufgegriffenen Verträge abgeschlossen hat. Hierbei ist aber umstritten, ob diese überhaupt wirtschaftlich ungünstig für Karstadt-Quelle waren, also überhaupt ein Schaden entstanden sein kann. Die wirklich fundamentalen Managementfehler liegen ganz woanders.

Wo denn?
Dass die drei Projekte nicht umgesetzt wurden, die ich in Planung hatte. Und dass Insolvenzverwalter Görg den Shoppingsender HSE 24 für 170 Millionen Euro verschleudert hat, der wenig später für 600 Millionen weiterverkauft wurde. Allein das hätte gereicht, ganz Arcandor zu retten. Zudem hatte Herr Görg Karstadt an Herrn Berggruen veräußert zu einem symbolischen Preis von einem Euro. Nun war es Herrn Berggruen möglich, allein für drei Premiumhäuser und die Karstadt-Sporthäuser einen Verkaufserlös von 300 Millionen zu erzielen. In Summe sprechen wir allein hier von fast über 800 Millionen Euro, die verschenkt worden sind.

So ist wenigstens etwas für die Gläubiger herausgesprungen, die Millionen durch die Pleite verloren haben.
Wenn man die Kosten, die für die Arbeit von Herrn Görg und Herrn Jauch anfallen, ins Verhältnis setzt zu dem, was sie bisher erstritten haben, stellt man fest: Die Prozesse lohnen sich nicht für die Gläubiger, sondern für die Kanzleien der Insolvenzverwalter.

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