Ex-BASF-Chef Hambrecht : "Wir können uns keinen Stromausfall leisten"

Jürgen Hambrecht ist Mitglied der Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung. Bis Anfang Mai war er acht Jahre lang Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF. Im Interview spricht er über den Atomausstieg.

Jürgen Hambrecht.
Jürgen Hambrecht.Foto: dapd

Herr Hambrecht, ist ein Atomausstieg bis 2022 realistisch?

Ein Umbau binnen zehn Jahren ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Das funktioniert nur mit einem sehr harten Projektmanagement seitens der Politik.

Warum?

Es gilt, mehrere Punkte zu beachten. Erstens: Wir brauchen Versorgungssicherheit - Deutschland kann sich als Industrieland keinen Stromausfall leisten. Zweitens: Strom muss bezahlbar bleiben. Die deutsche Industrie ist nur deshalb wettbewerbsfähig, weil sowohl Grundstoffindustrie als auch Weiterverarbeitung an einem Standort stattfinden. Wir haben heute schon die höchsten Stromkosten, zusätzliche Belastungen sind unmöglich. Drittens: Die Bürger sollen nach dem Vorschlag der Ethikkommission stärker als bislang an der Energiewende beteiligt werden. Erfahrungsgemäß bedeutet das aber meist, dass alles etwas länger dauert.

Was folgt daraus?

Wenn wir Kernkraftwerke vom Netz nehmen, muss es Ersatz geben in Form von grundlastfähigem Strom. Da kommen bisher nur Gas und Kohle in Frage, und neue Kraftwerke müssen erst noch gebaut werden. Wenn das nicht rechtzeitig gelingt, muss man die Energiewende gegebenenfalls noch um ein paar Jahre strecken.

Wie lange?

Wir wollen einerseits aus der Kernkraft aussteigen. Andererseits wollen wir unsere Klimaziele weiter verfolgen. Beides steht miteinander im Konflikt. Ein Ausstieg binnen zehn Jahren bedeutet aber, dass insbesondere Gas eine größere Rolle spielen wird und entsprechend die Kohlendioxid-Emissionen steigen. Wer das eine will, bekommt quasi das andere im Paket dazu. Ganz abgesehen davon wird der Strompreis steigen.

Wie stark?

Das kann Ihnen heute keiner sagen. Es kommt darauf an, wie viel Strom importiert wird und wie viel zusätzlicher Strom aus Gas oder Kohle kommen soll. Klar ist nur: Die deutsche Industrie kann sich keine weiteren Strompreiserhöhungen leisten.

Wie wollen Sie das verhindern?

Man muss sehen, ob es im Staatshaushalt Möglichkeiten zur Kompensation gibt angesichts der Schuldenbremse oder dem Ziel, mehr für die Bildung auszugeben. Möglich wäre auch, einen Solidaritätsbeitrag für den Atomausstieg zu verlangen.

Sehen Sie Arbeitsplätze in Gefahr, sollte die Industrie trotzdem höhere Belastungen für die Industrie zu beschließen?

Das ist eindeutig der Fall. Man kann es heute schon sehen – wir haben nur noch eine einzige Aluminiumhütte in Deutschland, alle anderen Betriebe sind weggegangen. Man muss sich fragen, warum?

Was ist wichtiger, Atomausstieg oder Klimaschutz?

Die Politik muss Entscheidungen fällen, welche Prioritäten sie setzen und wie schnell sie sie realisieren will. Wir müssen mit Vernunft und Sorgfalt die Wettbewerbsfähigkeit des Industrie- und Beschäftigungsstandortes Deutschland sicherstellen. Nur so gewährleisten wir Wohlstand und soziale Gerechtigkeit. Das ist das höchste Gebot, das ist die Prämisse für alles.

Wird ein Ausbau der Erneuerbaren Energien mit einem entsprechenden Wachstum dieses Sektors nicht die Verluste in anderen Industriebereichen kompensieren?

Die Chancen der Erneuerbaren werden genutzt, wir nutzen Energie ja so effizient wie kaum ein anderes Land. Wir haben große Potenziale beim Wärmemanagement von Häusern, deshalb sind auch die Bürger gefordert, ihr Verhalten zu ändern, sich etwa einen sparsameren Kühlschrank zu kaufen oder ihre Häuser zu isolieren. Hier muss es große Anstrengungen geben. Klar ist aber: Die Chancen, die sich nun bieten, können wir nur nutzen, wenn wir diese Umweltprodukte auch herstellen können. Da beißt sich die Katze in den Schwanz - das geht nicht ohne wettbewerbsfähige Energiekosten. Man kann den Ast, auf dem man sitzt, nicht absägen.

Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

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