Wirtschaft : Ex-Parmalat-Chef bleibt in Haft

Firmengründer Calisto Tanzi soll 800 Millionen Euro ins Ausland geschafft haben

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Rom (dpa). Der festgenommene ExPräsident des insolventen italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat, Calisto Tanzi, hat die gegen ihn erhobenen Betrugsvorwürfe bestritten. Nach einer sechsstündigen Vernehmung am Sonntag sollte der Firmengründer am Montag erneut verhört worden, berichteten italienische Medien. Tanzi hatte zuvor erklärt, er habe höchstens eine Million Lire (etwa 500 Euro) für kleine persönliche Ausgaben aus der Firmenkassen genommen. Ein Richter muss jetzt entscheiden, ob die Untersuchungshaft für den 65-jährigen Unternehmer verlängert wird. An der Mailänder Börse wurden die Aktien des Unternehmens auf unbestimmte Zeit vom Handel ausgesetzt.

Tanzi wird vorgeworfen, bis zu 800 Millionen Euro entwendet und die Konten seiner Firma – die sich seit ihrer Gründung vor über 40 Jahren zum achtgrößten Industriekonzern Italiens gemausert hat – seit 1988 gefälscht zu haben. Unterdessen haben die Staatsanwälte von Parma und Mailand, die in dem Fall ermitteln, den Sitz der Parmalat-Finanzholding La Coloniale durchsucht. Die Gesellschaft wurde 1987 gegründet und ist für die Auslandsgeschäfte des Milchproduzenten zuständig. Bei der Durchsuchung seien weitere Dokumente sichergestellt worden.

Ein Prozess gegen Tanzi könnte Medienberichten zufolge bereits im Frühjahr beginnen. Dem Unternehmer droht eine langjährige Haftstrafe. Tanzi, der sich zuletzt im Ausland aufgehalten haben soll, war am Wochenende in Mailand auf offener Straße festgenommen worden. Die Staatsanwälte fordern, dass Tanzi in Untersuchungshaft bleibt, da neben Flucht- auch Verdunklungsgefahr und eine Tat-Wiederholung befürchtet werden. Parmalat-Manager sollen noch vor einer Woche Papiere verschwinden lassen und Computer zerstört haben.

Die Ermittler vermuten, dass Tanzi zusammen mit neun Parmalat-Managern Dokumente gefälscht und damit große Summen Schwarzgeld in Steuerparadiesen angehäuft hat. Der ehemalige Finanzchef Fausto Tonna arbeitet neuerdings mit den Ermittlern zusammen und macht Tanzi für die dunklen Machenschaften verantwortlich.

In der Bilanz von Parmalat war in der Vorwoche ein Finanzloch von mehreren Milliarden Euro entdeckt worden. Die Staatsanwaltschaft wirft der bisherigen Parmalat-Führung Betrug und Bilanzfälschung vor. Von mindestens sieben Milliarden Euro, die in der Bilanz des Konzerns auftauchen, fehlt jede Spur. Insolvenzverwalter Enrico Bondi erklärte am Montag, Ende 2002 habe der Schuldenstand der Gruppe 8,2 Milliarden Euro betragen. Unklar ist bislang, wie viel Schulden der Konzern 2003 angehäuft hat, jedoch habe sich die finanzielle Lage „wesentlich verschlechtert“. Ein Gericht in Parma hatte nur wenige Stunden vor Tanzis Festnahme das Unternehmen offiziell für insolvent erklärt. Auch mehreren Tochter-Unternehmen des Lebensmittel-Giganten droht jetzt die Pleite, allen voran dem Fußball-Erstligisten AC Parma, an dem Tanzi zu fast 99 Prozent Anteile besitzt.

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