Existenzgründung : Aufbruch ins Ungewisse

Endlich der eigene Chef – wer sich selbstständig macht, hat das geschafft. Dafür verzichten viele Gründer auf Freizeit und ein geregeltes Einkommen.

Peter Neitzsch
Testballon. Wer im Nebenjob gründet, kann seine Idee erst einmal ausprobieren. Zwei von drei Personen, die sich im vergangenem Jahr selbständig machten, taten dies. Foto: imago/ZUMA Press
Testballon. Wer im Nebenjob gründet, kann seine Idee erst einmal ausprobieren. Zwei von drei Personen, die sich im vergangenem...Foto: imago/ZUMA Press

„Die meisten Kunden achten nicht auf Bürozeiten“, erzählt Antje Linßner. Die Leipzigerin hat sich vor zehn Jahren selbstständig gemacht und leitet heute eine Werbeagentur mit mehreren Mitarbeitern. Außerdem berät sie Gründer beim Start in die Selbstständigkeit. Neben Kunden aus dem Immobiliengewerbe und der Gastronomie betreut Linßner auch Kleinunternehmer, die zum Beispiel ein mobiles Friseurgeschäft gegründet haben.

„Wer großen Wert auf einen geregelten Feierabend legt, sollte sich nicht selbstständig machen“, warnt die Expertin. In den ersten drei Jahren nach der Gründung müsse ein Unternehmer meist auch auf Urlaub verzichten. Mitunter dauere es eine Weile, bis man Geld verdient: „Im ersten Jahr machen viele Gründer Verluste. Da ist Durchhaltevermögen nötig.“ Linßner sagt deshalb: „Ich glaube nicht, dass sich jeder zum Gründer eignet.“ Oft gehe es darum, sich selbst zu verwirklichen, sagt Andreas Lutz, Vorsitzender des Verbands der Gründer und Selbstständigen. „Viele Gründer bringen eine hohe Fachkompetenz mit und haben das Gefühl, sie können selbstständig mehr erreichen“, so der Ratgeberautor aus München. Natürlich sei auch kaufmännisches Know-how nötig, aber das könne erworben werden. „Man muss auch kein Mechaniker sein, um Auto zu fahren. Aber ein gewisses Grundverständnis hilft, um rechtzeitig die Werkstatt aufzusuchen.“

Antje Linßner empfiehlt Selbstständigen, sich wenigstens die Grundlagen anzueignen: „Je mehr man weiß, desto mehr kann man günstig selbst erledigen.“ Sie selbst hat schon verschiedene Geschäftsmodelle und Rechtsformen ausprobiert. Anfängern rät Linßner dazu, es einfach zu halten: „Solange es möglich ist, sollte man als Freiberufler arbeiten. Wenn das nicht mehr geht, ist ein Einzelunternehmen die beste Lösung.“ Das sei beispielsweise nötig, wenn ein Grafiker neben seiner Dienstleistung auch Druckprodukte anbiete. Von einer GmbH oder UG rät sie ab: „Damit ist man zwar aus der persönlichen Haftung raus, dafür ist aber der Verwaltungsaufwand viel höher.“

Nicht jede Gründung muss ein Vollzeitjob werden

Vermittelt werden Berater wie Linßner von der KfW-Förderbank in Frankfurt am Main. „Wer bei uns den Zuschuss für ein Gründercoaching beantragt, sucht sich aus unserer Datenbank einen Berater aus“, sagt Anja Bukowski, Direktorin der Abteilung Umwelt und Beratung. Die KfW bezuschusst die Beratungsleistungen: Je nach Region übernimmt die Förderbank zwischen 50 und 75 Prozent der Kosten – maximal 4500 Euro.

Die Förderung kann allerdings erst nach der Gründung beantragt werden: „Mit dem Produkt fördern wir Existenzgründer, Freiberufler und junge Unternehmer in den ersten fünf Jahren nach der Gründung“, sagt Bukowski. Die Geschäftsidee sollte jedoch schon vor der Selbstständigkeit geprüft werden: „Vieles lässt sich nebenberuflich oder ehrenamtlich ausprobieren“, empfiehlt Lutz. Idealerweise gebe es zur Gründung dann bereits einen festen Kundenstamm.

Schließlich muss nicht jede Selbstständigkeit ein Vollzeitjob werden – im Gegenteil: Zwei von drei Personen, die sich 2013 selbstständig gemacht haben, taten das im Nebenerwerb. „Angestellte sollten vorher mit ihrem Chef klären, ob sie nebenher noch ein privates Geschäft betreiben dürfen“, rät Lutz. Arbeitslose dürfen bis zu 15 Stunden in der Woche selbstständig tätig sein, ohne den Anspruch auf Unterstützung zu verlieren. Wenn noch fünf Monate Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht, können Arbeitslose zudem einen Gründungszuschuss beantragen.

„Die Vergabe wird mittlerweile allerdings viel restriktiver gehandhabt.“ Erhielten 2011 noch mehr als 130 000 Gründer das Fördermittel, so sank diese Zahl 2012 auf knapp über 20 000 – eine Konsequenz aus der Abschaffung des Rechtsanspruchs. Doch Lutz sagt auch: „Viele reichen schon gar keinen Antrag mehr ein, deshalb stehen die Chancen auf Förderung bei professioneller Vorbereitung sehr gut.“

Wie viel Geld ist für die Selbstständigkeit nötig?

ALG-II-Empfänger bekommen vom Jobcenter ein Einstiegsgeld. Die KfW bietet Gründern zudem günstige Kredite, die auf Nachfrage von der Hausbank vermittelt werden. „Am häufigsten wird der ERP-Gründerkredit bis zu 100 000 Euro nachgefragt“, sagt Bukowski. Doch auch wesentlich größere Gründungsvorhaben würden von der Bank gefördert.

Aber wie viel Geld ist für die Selbstständigkeit nötig? „Selbst wenn keine großen Investitionen nötig sind, fallen auf jeden Fall Lebenshaltungskosten an“, sagt Lutz. Der Autor rät dazu, im Vorfeld einen Businessplan zu schreiben. „Nachdenken lohnt sich später zehnfach.“ Wer seine Ideen aufschreibe, könne sich mit anderen austauschen: „Jeder Fehler ist schon einmal gemacht worden, nur noch nicht von jedem.“ (dpa)

Zum Weiterlesen: Andreas Lutz, Monika Schuch: Existenzgründung, Was Sie wirklich wissen müssen, Die 50 wichtigsten Fragen und Antworten, Linde Verlag 2011, 208 Seiten, 14,95 Euro

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