Wirtschaft : Experten warnen Notenbank-Chef Trichet

EZB soll sich nicht auf weiter steigende Zinsen festlegen – das würde dem Aufschwung schaden

Carsten Brönstrup

Berlin - Für Jean-Claude Trichet ist es der wichtigste Termin der vergangenen Monate, vielleicht des ganzen Jahres: An diesem Donnerstag muss der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) den Bürgern der zwölf Euro-Staaten erklären, warum die Leitzinsen schon wieder steigen – und, wichtiger noch, wie es 2007 weitergeht. Mindestens 60 Journalisten werden bei der Pressekonferenz seine Worte wägen, zwei Dutzend Fotografen und Kamerateams seine Gesten festhalten. Schließlich bewegen ein paar Zinspunkte mehr oder weniger einige Milliarden Euro auf den Finanzmärkten.

Seit Dezember 2005 hat die EZB die Zinsen vom Rekordtief von 2,0 Prozent in fünf Schritten auf nunmehr 3,25 Prozent angehoben. Dass es heute eine weitere Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte geben wird, gilt nach einschlägigen Hinweisen der Zentralbanker als sicher. Denn als Folge einer zu laxen Geldpolitik, so fürchten Trichet und seine Leute, könnte die Inflation angesichts des Aufschwungs anziehen. Doch Anfang November schnellte plötzlich der Euro-Wechselkurs in die Höhe. Er bremst vor allem die Exportfirmen. Nun rätseln Experten, ob weitere Zinsschritte überhaupt nötig sind – oder es die Notenbank dem Aufschwung damit noch schwerer machen würde.

Wirtschaftsexperten raten der EZB, sich nicht vorzeitig auf eine weitere Straffung der Geldpolitik festzulegen. „Die Notenbank sollte erst einmal abwarten, wie sich die Dinge entwickeln – immerhin gibt es in den kommenden Monaten eine Reihe von belastenden Faktoren für die Konjunktur“, sagt Michael Heise, Chefökonom der Allianz. So würden die Erhöhung der Mehrwertsteuer in Deutschland, die Abschwächung der US-Konjunktur und der teure Euro die Wirtschaft ohnehin abbremsen. Zudem seien die langfristigen Kapitalmarktzinsen mittlerweile geringer als die kurzfristigen – „das zeigt, dass eine höhere Inflation vorerst unwahrscheinlich ist“. Auch Reinhard Kudiß, Ökonom beim Industrieverband BDI, warnt. „Angesichts der Risiken für die Außenwirtschaft sollte die EZB vorsichtig sein.“ Die Gewerkschaften sind ohnehin gegen eine harte Geldpolitik. „Zinserhöhungen zum jetzigen Zeitpunkt sind das Gegenteil von dem, was Wirtschaft und Arbeitsmarkt jetzt brauchen“, findet DGB-Vorstand Claus Matecki. Die Zentralbanker sollten „ihre Verantwortung für Wachstum und Beschäftigung endlich ernst nehmen und dem Aufschwung Flügel verleihen, statt sie zu stutzen“.

Die Inflation, die im Fokus der Notenbank steht, entwickelt sich jedenfalls mäßig. Ziel der EZB ist eine Teuerungsrate von unter zwei Prozent. In den Euro-Staaten liegt die Inflation derzeit wegen des billigeren Öls bei 1,8 Prozent. Rechnet man die deutsche Mehrwertsteuererhöhung heraus, die die Preise leicht treibt, liegt Trichet damit gut auf Kurs.

Trotzdem gibt es Skeptiker. Die seit langem niedrigen Leitzinsen lassen die Finanzmärkte boomen, Banken vergeben Kredite freigiebig an Unternehmen und Privatleute – das bläht die Geldmenge auf. „Zwei bis drei Zinserhöhungen würden deshalb sicher nicht schaden“, rät Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. „Denn mit der Inflation sollte man nicht leichtfertig spielen.“ Zumal die anstehenden Tarifrunden für weiteren Preisschub sorgen dürften, erwartet Kater. Wirtschaftlich seien höhere Zinsen verkraftbar. „Die Konjunktur wird dadurch keinen Schaden nehmen.“

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