Wirtschaft : Expo 2000: Birgit Breuel im Interview

Frau Breuel[wird die Weltausstellung in Hannover]

Birgit Breuel (62) ist seit 1997 Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Vorbereitung der Weltausstellung Expo 2000. Bund und das Land Niedersachsen als Eigentümer der Gesellschaft setzten die hanseatische Politikerin ein, weil die Expo vorher unter andauernden Personalquerelen und Inhaltsdebatten litt. Zwei Jahre zuvor verlieh Helmut Kohl Birgit Breuel den Rang einer Botschafterin und Generalkommissarin für die Expo. Die Bankierstochter gilt als verlässliche und sachliche, wenn auch kühle und distanzierte Managerin. Anfang der neunziger Jahre übernahm sie nach dem Mord an ihrem Vorgänger das Amt der Präsidentin der Treuhandanstalt. Hannover kennt Breuel, seit der frühere niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht sie 1978 zuerst zu seiner Wirtschafts- und danach zur Finanzministerin machte. Birgit Breuel studierte in Hamburg, Oxford und Genf Politik.



Frau Breuel, wird die Weltausstellung in Hannover vom Transrapid-Reflex getroffen - ein gutes Produkt, das totgeredet wird?

Nein. Die Expo ist aus der Sicht der Besucher, Nationen und Partner ein Erfolg. Einen Vergleich kann man höchstens mit Blick auf die Finanzierung ziehen. Dass sich Politiker mit der Frage der Finanzierung auseinander setzen müssen, ist selbstverständlich. Schließlich geht es um Steuergelder, mit denen das betriebswirtschaftliche Defizit der Expo ausgeglichen werden muss. Dass dieses so ist, bedauern wir.

Warum wurde diese Diskussion nicht viel früher geführt, man hätte in diesem Sommer in Hannover ein unbelastetes Fest feiern können und nicht über Defizite geredet.

Es bestand im Kreis der Verantwortlichen von Anfang an die Auffassung, dass sich die Expo in Deutschland selber rechnen kann und muss. Vor diesem Hintergrund wurde die Ausstellung vorbereitet und das wirtschaftliche Ergebnis öffentlich diskutiert. Auf der Kostenseite sind alle Voraussetzungen eingehalten worden; auf der Einnahmenseite leider nicht.

Keine Weltausstellung vorher setzte sich ein solches Ziel. Warum ausgerechnet die deutsche Expo?

Wir waren davon überzeugt, unter vielen Anstrengungen dieses Ziel erreichen zu können, und wollten damit auch Zeichen setzen für zukünftige Weltausstellungen.

Spätestens im Frühjahr 1998 entpuppte sich das allerdings schon als Irrtum.

Diese Erkenntnis reifte einige Monate vor der Bundestagswahl. Nach der Wahl beschloss der Aufsichtsrat, ein Defizit auszuweisen. Damit der Kostenrahmen von 3,4 Milliarden Mark einzuhalten war, mussten wir unser Budget erheblich zusammenstreichen: Kürzungen beim Themenpark, bei der Werbung, im Jugendprogramm und an vielen anderen Orten. Wir haben allerdings einige hundert Millionen Mark in Hannover investiert, die nach der Veranstaltung kostenfrei zum Beispiel der Messegesellschaft übergeben werden. Dazu kommen eine ganze Reihe Investitionen für die Stadt Hannover, zum Beispiel in die Infrastruktur des neuen Stadtteils Kronsberg. Auch hier wurde vertraglich vereinbart, dass die Stadt diese Investitionen nicht bezahlen muss.

Auch diese Rechnung konnte nur bei einer utopischen Besucherzahl von 40 Millionen aufgehen. War das auch allen Beteiligten klar?

Die Besucherzahl war nicht utopisch, sondern durch Marktforschungen und Recherchen von uns und von Externen unterlegt. Die Seite der Einnahmen stellte aber immer ein unternehmerisches Risiko dar. Der Aufsichtsrat und die Gesellschafter haben beschlossen, die Zahlen erst am Ende der Weltausstellung zu bewerten.

Nicht nur Politiker, auch die Besucher der Expo in Hannover - Ihre Kunden - führen offensichtlich diese für Sie wenig erfreuliche Debatte: Sie nehmen die Expo weit weniger zahlreich an, als Sie geplant haben. Stimmt das ganze Produkt vielleicht nicht?

Die Nationen und die Besucher haben uns mehrfach die Erstklassigkeit der Expo bestätigt: Wer einmal hier war, der findet die Expo klasse.

Wie kommt es dann, dass die Besucherzahlen nicht stimmen?

Wir haben zurzeit täglich mehr als 100 000 fröhliche Besucher. Es gibt zwar schon erste Beschwerden über Warteschlangen, aber das Gelände kann durchaus noch mehr Besucher vertragen. Die anfängliche Zögerlichkeit mag auch darin begründet liegen, dass wir Deutsche es auf Grund unserer Vergangenheit nur schwer fertig bringen, eine nationale Identität für so ein großes Ereignis wie die Expo zu entwickeln. Auch in Sevilla und Lissabon sind die Ausstellungen zuerst mit sehr dürftigen Besucherzahlen gestartet. Dann aber setzte sehr schnell ein nationales Gefühl ein. Die Menschen sagten sich: Das ist unsere Expo, und wir sollten sie zum Erfolg führen. Auch zum Beispiel in Frankreich würde man anders als in Deutschland mit der Weltausstellung umgehen.

Hat Berlin, das seit langem Touristen aus ganz Deutschland und der Welt anzieht, mehr nationale Identität ausgelöst oder sich einfach nur besser vermarktet?

Den Vergleich finde ich nicht ganz gerecht. Dass Berlin nationale und internationale Aufmerksamkeit erregt, ist doch ganz selbstverständlich. Berlin ist eine bedeutende Weltstadt, die sich nach der Wiedervereinigung zu unserer faszinierenden gesamtdeutschen Hauptstadt entwickelt hat. Wir leben gern damit, dass Berlin die Menschen begeistert. In der Tat ist die Resonanz der Berliner auf die Expo noch gering. Wir sind in Bayern und Baden-Württemberg und auch im Ausland sehr gut bekannt. Berliner für die Weltausstellung zu begeistern, gehört deshalb jetzt zu unseren bevorzugten Aufgaben.

Man wirft Ihnen vor, dass Sie dem Ziel, mit den Exponaten der Ausstellung den Kopf der Besucher zu erreichen, den Vorrang gegeben, das Festliche, Spaßige dabei allerdings vergessen haben.

Das mag manchem so erscheinen. Wir erleben das ganz anders. Die Menschen nehmen die Angebote der Expo mit sehr viel Spaß auf, haben Lust, hier Neues zu entdecken. Vor allem abends finden farbenfrohe Feste statt, mit zehntausenden Besuchern. Hier ist an fast jedem Abend der Teufel los. Das Produkt Expo 2000 stimmt in seiner Gewichtung von Inhalt und Spaß.

Die Kunde von dem guten Produkt erreicht allerdings nicht die erhoffte breite Kundschaft.

Auch der Werbeetat der Expo musste Ende der neunziger Jahre aus den beschriebenen Kostengründen stark gestrafft werden. Wir haben jetzt eine neue Werbekampagne gestartet, die schon erste Früchte trägt.

Müssten Sie nicht den Eintrittspreis senken, um Ihr gutes Produkt Expo besser an den Mann zu bringen?

Es stimmt, dass ich es bedauere, dass nicht noch mehr Menschen die Expo in Hannover erleben. Doch wir können deshalb die Expo nicht zum Discountladen machen. Für das, was wir hier anbieten, ist der Preis absolut in Ordnung. Für 69 Mark können Sie von morgens bis in die späte Nacht so viel erleben wie nirgendwo sonst.

Jeder gute Verkäufer senkt den Preis für sein Produkt, wenn er es nicht los wird. Warum wehren Sie sich dagegen?

Darum geht es doch gar nicht. Natürlich haben wir auch Sonderaktionen: etwa für Abendveranstaltungen oder gerade jetzt in der Urlaubs- und Ferienzeit für Familien und Senioren. Übrigens zeigen unsere Umfragen auf dem Expo-Gelände, dass die Menschen den Eintrittspreis angemessen finden.

Interessant sind doch aber erst die Umfragen unter denen, die noch nicht gekauft haben.

Gerade für diejenigen haben wir unsere Sonderaktionen gestartet. Die Diskussionen um Preissenkungen haben sicher bei vielen Besuchern zunächst zu einer abwartenden Haltung geführt. Aber spätestens, wenn den Menschen die Einmaligkeit dieses Ereignisses in Deutschland bewusst wird, zieht es sie noch stärker nach Hannover.

Vorhergegangene Weltausstellungen lockten die staunenden Menschen mit weit sichtbaren Wahrzeichen. Fehlt der Expo 2000 ein solches Wahrzeichen?

Es war von Anfang an nicht unser Ziel, so etwas zu errichten. Ganz abgesehen davon, dass so ein Wahrzeichen noch einmal Millionen gekostet hätte, wollten wir eine neue, moderne Expo schaffen. Die Weltausstellung in Hannover wird vom Thema der Nachhaltigkeit bestimmt. Bis heute haben wir allein 800 Projekte in der ganzen Welt registriert, die sich mit den verschiedensten Fragen des menschlichen Lebens am Beginn des neuen Jahrtausends beschäftigen. In 124 Nationen werden praktische Beispiele zu den Themen Arbeit, Umwelt, Energie und vielem mehr gezeigt, die in andere Länder übertragen werden können. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Über einen Global Partnership e.V., den wir gegründet haben, werden diese weltweiten Projekte in Netzwerken verknüpft. Diese Vernetzung, das können wir schon jetzt sagen, ist sehr erfolgreich.

Heißt das, die Welt hat unsere deutsche Expo angenommen, und nur wir selbst kritisieren an ihr herum?

Das kann man so nicht sehen. Natürlich finde ich es bedauerlich, dass die Finanzierungsdiskussion mittlerweile auch auf die Medien in den Ausstellerländern überschwappt. Schließlich ist die Expo 2000 doch eine Chance, die internationale Reputation Deutschlands zu verbessern. Noch in der Anfangszeit, zu Beginn der Vorbereitungen, verfolgte das Ausland mit aufmerksamem Interesse die Entwicklung in Deutschland. Man hat sich zum Teil auch skeptisch gefragt, was wohl aus diesem neuen wiedervereinigten Deutschland mitten in Europa werden wird. Es herrschte gespannte Erwartung, wie sich Deutschland mit der Weltausstellung als Gastgeber präsentieren wird. Jetzt sind mehr Nationen nach Hannover gekommen als jemals bei einer Expo zuvor. Alle Teilnehmer haben viel Mühe darauf verwandt, sich hier zu präsentieren, und sind mit dem Ergebnis mehr als zufrieden.

Wenn am 31. Oktober die Tore der Expo 2000 geschlossen werden, was bleibt dann von dieser Weltausstellung?

Zum einen ist der ganze Bereich der Nachnutzung vorbildlich gelöst, zum anderen hoffe ich, dass der Themenpark, die Weltweiten Projekte und der Global Dialogue den Menschen Bilder und Anregungen mitgegeben haben, die sie so schnell nicht wieder vergessen werden. Einige Ideen werden sie vielleicht in ihren Alltag mit hinübernehmen und umsetzen. Das harmonische Miteinander der Nationen und Kulturen auf dem Expo-Gelände setzt für viele ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und für gegenseitige Toleranz als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

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