Wirtschaft : Export rettet Deutschland vor Rezession

Außenhandelsverband beklagt schwache Binnenkonjunktur / Weiteres Wirtschaftsinstitut senkt Prognose

Henrik Mortsiefer,Anselm Waldermann

Berlin - Der Export wird auch 2005 das schwache Wirtschaftswachstum in Deutschland tragen. „Ohne die Lokomotivfunktion des Außenhandels würde das Bruttoinlandsprodukt an der Schwelle zur Rezession stehen“, sagte Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), am Dienstag in Berlin. Es gelinge nach wie vor nicht, „die Binnenkonjunktur zum Leben zu erwecken“. Gesamtwirtschaftlich rechnet der BGA daher nur mit einem Wachstum von rund einem Prozent. Auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat am Dienstag seine Prognose von 1,3 auf 1,0 Prozent gesenkt.

Für den Export ist Börner aber optimistischer: Der BGA schätzt, dass die Ausfuhren 2005 nominal um sechs Prozent auf 777,5 Milliarden Euro zunehmen werden. Bislang war der Verband von fünf bis 5,5 Prozent ausgegangen. 2004 lag das Plus bei 10,4 Prozent – ein „Ausnahmejahr“, wie Börner sagte. Da der Import 2005 ebenfalls um fünf Prozent auf 606,3 Milliarden Euro zunehmen dürfte, rechnet der BGA mit einem Außenhandelsüberschuss von 171,2 Milliarden Euro. Die Rechnung gehe aber nur auf, wenn der Dollar nicht kurzfristig „in eine neue Abwärtsspirale“ gerate.

Das größte Wachstum stammt indes aus China und Russland. Hier erwartet der BGA einen Nachfrageanstieg von 15 beziehungsweise 20 Prozent. Im Euroraum und Japan werde die wirtschaftliche Dynamik hingegen nachlassen. Gefragt bleiben vor allem deutsche Kraftfahrzeuge, Maschinen und chemische Erzeugnisse. Aber auch produktionsbegleitende Dienstleistungen, die heute nur ein Zehntel der Güterexporte ausmachen, werden Börner zufolge für den Export immer attraktiver.

Scharf kritisierte Börner die Bundesregierung: „Überall in der Welt machen wir glänzende Geschäfte, nur nicht in Deutschland.“ Schuld sei die Politik, die die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekomme und die Schulden vergrößere.

Auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) erwartet, dass sich die Inlandsnachfrage nur zögerlich belebt. „Beim privaten Konsum sehen wir keine Wende“, sagte RWI-Vorstandsmitglied Wim Kösters. Als Grund für die revidierte Prognose für die Gesamtwirtschaft von 1,3 auf 1,0 Prozent nannte das RWI die schlechte Entwicklung im vierten Quartal 2004. Die Bundesregierung hingegen geht offiziell von 1,6 Prozent Wachstum aus.

Auch mit Blick auf die Arbeitslosigkeit gab das RWI keine Entwarnung: Im Jahresdurchschnitt rechnet das Institut mit 4,73 Millionen Arbeitslosen. Die EU- Defizitgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts werde Deutschland in diesem Jahr ebenfalls nicht einhalten – das RWI erwartet neue Schulden in Höhe von 3,4 Prozent. Stärker anziehen werde die Wirtschaft erst 2006: dann immerhin um 1,8 Prozent.

Optimistischer ist der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. „Am Gesamtverlauf für 2005 wird sich nicht viel ändern“, sagte er dem Tagesspiegel. Dass in den vergangenen Wochen neben dem RWI auch andere Institute ihre Prognose gesenkt hatten, liege nur am Überhang des schwachen vierten Quartals. Im Jahresdurchschnitt werde dies keine allzu große Rolle mehr spielen.

Sorgen bereitet Bofinger allerdings die negative Stimmung, die durch die jüngste Häufung der revidierten Prognosen entstehen könnte. „Zusammen mit den hohen Arbeitslosenzahlen hat das eine psychologische Wirkung, die die Menschen sehr verunsichert“, sagte Bofinger. Dies könnte sich auf den privaten Konsum bremsend auswirken.

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