Exportwirtschaft : Von wegen Freihandel

Neue Mauern: Immer mehr Staaten schotten sich mit zusätzlichen Zöllen, Subventionen und Sondervorschriften ab, um die eigene Wirtschaft zu stärken – und lähmen sich so gegenseitig.

von
Billige Solarpanels aus China machen es den Deutschen schwer.
Billige Solarpanels aus China machen es den Deutschen schwer.Foto: dpa

Berlin - Die Weltkarte ist blass, aber voller roter Kleckse. Jeder einzelne steht für ein Land, und je größer er ist, desto schlimmer. Russland hat den größten Klecks, gefolgt von Argentinien. Indien ist auch nicht zu verachten. In Europa ist Deutschlands Klecks recht ansehnlich, der von Großbritannien aber ist noch ein Stückchen größer.

Großbritannien, ausgerechnet. Ein Klecks zeigt, mit wie vielen Handelsbeschränkungen ein Land sich gegenüber dem Ausland abzuschotten versucht. Darunter fallen Subventionen, Zölle oder spezielle Normen, die es zu erfüllen gilt. Dass ausgerechnet die liberalen Briten hier vorne liegen, überrascht. Deutschland liegt aber nur knapp dahinter, mit 145 den Handel bremsenden Maßnahmen. Volkswagen etwa bekommt vom Staat bis 2016 Millionen für die Tochter in Sachsen. Die Filmindustrie darf sich über zinsgünstige Kredite der Förderanstalten freuen, die Lederindustrie über Schutzzölle für Konkurrenzprodukte aus China. Und, und, und.

Zusammengestellt hat die Weltkarte die britisch-schweizerische Denkfabrik Global Trade Alert. Womöglich bekommen die Experten bald noch mehr zu tun: Die Handelsbeschränkungen in der Welt nehmen zu. Aktuell plant die EU Strafzölle in Höhe von 47 Prozent auf ihrer Meinung nach zu billige Solarmodule, mit denen China den Weltmarkt überschwemmt. In Peking sorgt das für Verstimmung. Die Einfuhrhürden würden den Beziehungen „ernsthaft schaden“, warnte ein Beamter des Handelsministeriums. Die Volksrepublik werde „konsequente“ Maßnahmen ergreifen, „um unsere berechtigten Interessen und Rechte zu verteidigen“.

Unabsehbare Dynamik

Die Chinesen kontern mit Aufschlägen für Stahlrohre. Europa revanchiert sich mit Zöllen auf Porzellan und Keramik, Klimaschutzabgaben für ausländische Fluggesellschaften und prüft Beschränkungen für Telekommunikationsgeräte. Eine gefährliche Spirale ist in Gang gekommen. „Wir haben die Sorge, dass man sich gegenseitig aufschaukelt“, sagt Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP).

Er weiß um das Risiko: Zum drohenden Währungsstreit könnte nun auch noch ein Handelskrieg kommen. Mit immer neuen Maßnahmen könnten die Staaten und Wirtschaftsblöcke versucht sein, unliebsame Konkurrenz außen vor zu halten. Und so ihre von der Krise gebeutelte Industrie schützen. Freihandel steht anders als noch zu Beginn des Jahrtausends nicht mehr besonders hoch im Kurs. Die einst in Doha gestartete Handelsrunde ist längst versandet, kaum jemand scheint in der Lage, sie wiederzubeleben. Am Ende könnte es kommen wie in der Weltwirtschaftskrise 1929: Die Länder lähmen sich mit immer mehr Protektionismus gegenseitig – und verhindern so eine rasche Erholung der Weltwirtschaft von einer ihrer tiefsten Krisen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben