Wirtschaft : EZB-Chef Trichet feiert Abschied

Merkel dämpft Erwartungen an Gipfel

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Frankfurt am Main - „Ihr okkupiert das Geld – wir okkupieren die Welt“ steht auf einem Plakat, „Game Over“ auf einem anderen. Eine kleine Truppe der Protestierer ist von der Wiese vor dem Euro-Tower in Frankfurt am Main zur Alten Oper gezogen. Friedlich machen sie ihrem Unmut Luft während drinnen in edlem Ambiente der Abschied von Jean-Claude Trichet als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) gefeiert wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist da, Herman van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, der Chef der Euro-Gruppe. Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist extra aus Washington angereist und mit Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt sitzen zwei Väter des Euro im großen Saal der Alten Oper.

Und Schmidt ist es auch, der drinnen seinen „Freund“ Jean-Claude ausdrücklich lobt, dessen Vernunft, Augenmaß und Verlässlichkeit. „Dieser Mann war unverzichtbar“, sagt der Alt-Bundeskanzler, der sich als Großvater des Euro bezeichnet. Trichet habe den Euro zu einer stabilen Währung geformt, stabiler auch als zuvor die Deutsche Mark. Aber Schmidt spart auch nicht mit Kritik und nimmt dabei durchaus auch Argumente auf, die draußen von den Demonstranten vorgebracht werden. Er beklagt das „Unvermögen der politischen Organe in der EU“ und mokiert sich darüber, dass die Krise des Euro auch dem „leichtfertige Geschwätz von Politikern und Journalisten“ zu verdanken sei. Die Krise der Handlungsfähigkeit der EU sei die viel größere Bedrohung als die Verschuldung einzelner Länder, sagt der Alt-Bundeskanzler. Und dass die Politik die Banken durch eine schärfere Regulierung immer noch nicht in die Schranken gewiesen hat. „Die Politik darf nicht weiter Geisel der Finanzklasse bleiben“.

Trichet wird von allen gelobt. Van Rompuy, Barroso, Juncker und auch Merkel scheinen sich dabei übertreffen zu wollen. Der EZB-Präsident nimmt die Worte mit freundlicher Miene auf. Skeptischer allerdings wird sein Blick, als er die politischen Bekenntnisse hört, jetzt endlich alles besser zu machen und gemeinsam politisch, an einem Strang zu ziehen, um die Krise zu überwinden. „Solidarität ist jetzt Pflicht, die Krise zwingt uns mehr zu tun, alle müssen Souveränität abtreten“, verspricht van Rompuy.

Bundeskanzlerin Angela Merkel steht hinter solchen Zusagen nicht zurück. Sie lobt Trichet als Künstler, der die Geldpolitik erfolgreich für 17 Ländern gemanagt habe und der den Euro stabiler geformt habe als es die Deutsche Mark gewesen sei. Und sie nimmt es Trichet offenbar nicht übel, dass er die Politik immer wieder mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert hat. Und Merkel sagt mit ernstem Gesichtsausdruck, dass die Politik jetzt entschlossener handeln müsse. „Wir müssen zu unkonventionellen und schnellerem Handeln bereit sein, Vertragsänderungen auf europäischer Ebene müssen nicht immer ein Jahrzehnt dauern.“ Was sie dabei im Sinn hat, sagt die Kanzlerin freilich nicht und dämpft zugleich die Erwartungen für den anstehenden Euro- und EU-Gipfel. „Der 23. Oktober wird nicht der Endpunkt sein, es werden viele andere Treffen folgen.“ Rolf Obertreis

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