Wirtschaft : EZB-Vize Noyer will politischen Druck auf Zentralbank abwehren

MARIETTA KURM-ENGELS ( HB)

FRANKFURT .Auf sein schlechtes Abschneiden in einer Umfrage bei europäischen Analysten kann sich Christian Noyer (Foto: vario-press), Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), keinen Reim machen.Unter allen Mitgliedern des sechsköpfigen EZB-Direktoriums trauten ihm die Befragten die geringste Entschlußkraft zu, wenn es darum geht, die Inflation in der Währungsunion (EWWU) zu bekämpfen."Vielleicht hängt es damit zusammen, daß ich nicht aus einer Zentralbank komme", rätselt der Franzose und verwirft die Begründung sofort wieder."Der Wechsel vom Finanzministerium zur Notenbank hat eine lange Tradition, nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland und in den Niederlanden", erläutert er dem Düsseldorfer "Handelsblatt" in seinem ersten Interview mit einer deutschen Zeitung."Gerade diese Länder haben den Ruf, besonders stabilitätsbewußt zu sein.Ich habe für das Urteil der Analysten keine Erklärung.Ich hoffe, daß es sich in Zukunft ändern wird." Daß er bei einem ähnlichen Rating immerhin knapp über dem Durchschnitt des Zentralbankrates der Bundesbank lag, hat Noyer mit Schmunzeln zur Kenntnis genommen.

Mit keinem Wort leistet der ehemalige französische Staatsbeamte dem in Deutschland gängigen Vorurteil Vorschub, der Vertreter Frankreichs in der EZB werde dort auch versuchen, die Interessen Frankreichs zu vertreten.Er versteht sich als Mitglied der europäischen Währungsbehörde und allein deren Zielsetzung verpflichtet.Nicht einmal das Umdenken aus französischen in europäische Kategorien sei ihm schwergefallen."In einer Institution, wo Menschen aller Welt zusammenkommen und alle Daten, mit denen man konfrontiert wird, europäisch sind, denkt man ganz von selbst europäisch.Das geht sehr schnell." Könnten sein Alter und seine auf vier Jahre beschränkte Amtszeit in der EZB ihn nicht doch unter Karriereaspekten zu Wohlverhalten gegenüber nationalen Ansinnen verleiten? Das mit 47 Jahren jüngste Mitglied des EZB-Direktoriums winkt ab."Ich pflege zu sagen, was ich denke, unabhängig davon, welche Konsequenzen das für mich persönlich hat."

Noyer erwartet, daß Paris die im Vertrag von Maastricht verankerte Unabhängigkeit der Direktoriumsmitglieder selbst dann respektiert, wenn es in Frankreich einmal ernsthafte Probleme gäbe.Sollte die EZB insgesamt unter politschen Druck geraten, erachtet der ruhige, besonnene Jurist die Institution für gut gewappnet."Dann werden wir der Öffentlichkeit erklären, was auf dem Spiel steht."

Die Einbindung der EZB in internationale Organisationen macht unterdessen Fortschritte, berichtet Noyer.Gemeinsam mit EZB-Präsident Wim Duisenberg hat er an dem allmonatlichen Treffen der Notenbankgouverneure der G10, der zehn wichtigsten Industriestaaten teilgenommen.Beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und seinen Hauptanteilseignern bestehe der Wunsch, die EZB einzubeziehen."Ich bin sicher, wir finden eine gute Lösung.Dafür müssen nicht notwendigerweise die Statuten des IWF geändert werden." Mitglieder können danach bisher nur Länder sein.

Überlegungen, die Wechselkurse international zu stabilisieren, steht der gebürtige Bretone nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber."Die Erfahrungen mit dem Plaza- und dem Louvre-Abkommen waren für einige Jahre recht positiv.Das ist aber eine sehr schwierige Frage, über die man in Ruhe nachdenken sollte.Außerdem wird die bloße Existenz des Euro die Währungsordnung verändern.Vielleicht wirkt er so stabilisierend, daß gar keine weiteren Schritte mehr nötig sind."

"Die Entwicklung der geldpolitischen Strategie für die Währungsunion ist technisch schwieriger, als ursprünglich erwartet", bestätigt Noyer die Einschätzung von Wim Duisenberg, mit der dieser vor wenigen Tagen am Finanzplatz Frankfurt für Unruhe gesorgt hatte.

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