EZB-Zinswende : Schulterklopfer für Trichet

Indem die Europäische Zentralbank den Banken in der Krise billiges Geld zur Verfügung stellte, verhinderte sie schlimmere Auswirkungen der Krise. Dass sie nun mit einer Zinserhöhung die Inflation bremst, ist ebenso richtig und umsichtig. Ein Kommentar.

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Da geht's lang: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet rechtfertigte die Leitzinserhöhung.
Da geht's lang: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet rechtfertigte die Leitzinserhöhung.Foto: AFP

Wenn Jean-Claude Trichet Ende des Jahres als Präsident der Europäischen Zentralbank abtritt, darf er sich zweimal auf die Schulter klopfen. Er hat zwei wichtige Entscheidungen getroffen, die nicht nur klug, sondern auch mutig waren. Einmal, als er in der Krise als erster Notenbanker alle Bedenken über Bord warf und den Leitzins auf ein historisch niedriges Niveau von einem Prozent senkte. Indem die EZB den Banken billiges Geld zur Verfügung stellte, hat sie verhindert, dass sich die Krise verschlimmert und Europas Wirtschaft lahmlegt.

Jetzt leitet Trichet die Zinswende ein. Zu Recht, denn inzwischen ist die Lage wieder bedenklich. Die Inflation liegt über der kritischen Marke von zwei Prozent, Öl- und Lebensmittelpreise schnellen in die Höhe, nicht nur wegen schlechter Ernten und politischer Unruhen, sondern auch, weil schon wieder eine Menge Geld im Umlauf ist, das nach attraktiven Spekulationsobjekten sucht. Man darf auch nicht vergessen, dass es die jahrelange Niedrigzinspolitik der US-Notenbank war, die die Kreditvergabe anheizte und jene spekulativen Blasen möglich machte, die in der Krise platzten.

Mutig ist die Entscheidung dennoch, denn sie trifft die Euro-Zone ganz unterschiedlich hart. In Deutschland fordern die Volkswirte schon lange höhere Zinsen, die Schuldenstaaten an Europas Rändern wehren sich dagegen mit allen Kräften. Die deutsche Wirtschaft wächst so kräftig wie lange nicht mehr, sie kann den Dämpfer nicht nur gut vertragen, sie braucht ihn auch, um die Teuerungsspirale aufzuhalten. Anders sieht es bei den Sorgenkindern aus. Die Märkte in Spanien, Portugal oder Griechenland werden auch auf eine moderate Zinserhöhung sensibel reagieren. Staaten und Bürger haben hohe Schulden, die sie bald mit noch teureren Krediten werden ablösen müssen. Hinzu kommt: Steigende Zinsen locken Anleger und machen den Euro im Vergleich zum Dollar teurer. Auch das ist Gift für die Südländer, die darauf angewiesen sind, mehr zu exportieren.

Eine Alternative aber hat die Zentralbank nicht. Es ist wie bei Eltern, die ihren Kindern an der Supermarktkasse die ungesunden Süßigkeiten verbieten, obwohl die Kleinen lautstark plärren. Die Schuldenstaaten müssen sparen, sparen, sparen. Ihre Bürger müssen länger arbeiten und weniger verdienen, damit ihre Produkte preiswert sind. Das wird hart. Die Gefahr ist groß, dass die Länder wieder in die Rezession rutschen und die Regierungschefs versuchen, den EZB-Chef zur Umkehr zu bewegen.

Dann muss er hart bleiben. Wie das geht, hat ausgerechnet ein Amerikaner vorgemacht: Paul Volcker, Ex-Berater von Barack Obama und jahrelang Chef der Notenbank Fed. Gegen heftigen politischen Widerstand erhöhte er Ende der 70er Jahre die Leitzinsen auf 17 Prozent. Das Land fiel in die Rezession, Präsident Carter verlor die Wahl. Die Inflation aber war gestoppt und mit der Wirtschaft ging es später umso stärker wieder aufwärts.

Die aktuelle Zinspolitik in den USA lässt diesen Mut vermissen. Dabei ist Zusammenarbeit der einzige Ausweg aus der globalen Unsicherheit. Das gilt auch für Europa. So, wie die Bürger im Süden sparen müssen, müssen die Nordländer kapieren, dass es ohne ihre Hilfe nicht geht. Sie werden weiter Kredit gewähren müssen und die gemeinsame Wirtschaftspolitik vorantreiben, wollen sie verhindern, dass der Euro auseinanderfliegt. Es sind noch einige unbequeme Entscheidungen notwendig, will man die nächste Krise verhindern.

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