Wirtschaft : Facebook wird langsamer

Ausgerechnet kurz vor dem Börsengang lässt die Wachstumsdynamik bei dem Online-Netzwerk nach.

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Der Gründer. Mark Zuckerberg wird Facebook auch nach dem im Mai erwarteten Börsengang faktisch allein kontrollieren.Foto: Reuters
Der Gründer. Mark Zuckerberg wird Facebook auch nach dem im Mai erwarteten Börsengang faktisch allein kontrollieren.Foto: ReutersFoto: REUTERS

Frankfurt am Main/Berlin - Bisher hat Facebook ein atemberaubendes Wachstumstempo vorgelegt. Inzwischen kommt das 2004 gegründete soziale Netzwerk auf 901 Millionen aktive Nutzer. Doch ausgerechnet kurz vor dem Börsengang lässt die Dynamik nach. Zum ersten Mal seit zwei Jahren schrumpfte der Umsatz im Vergleich zum vorangegangenen Quartal. Auch beim Gewinn musste Facebook zu Jahresbeginn Abstriche machen. Dennoch kauft das Unternehmen für 550 Millionen Dollar Patente, um sich gegen eine Ideenklau-Klage des Konkurrenten Yahoo zu wehren.

Facebook legte jetzt einen rund 200 Seiten starken aktualisierten Börsenprospekt für den im Mai geplanten Börsengang vor. Demnach sank der Umsatz vom Schlussquartal 2011 zum ersten Quartal 2012 um sechs Prozent. Facebook begründete den Rückgang mit „saisonalen Trends“. Zu Weihnachten werben Firmen besonders stark – und Werbung ist für Facebook die wichtigste Einnahmequelle. Doch im Jahr zuvor hatte es den Rückgang bei Facebook nicht gegeben.

Im Vergleich zum ersten Quartal 2011 stieg der Umsatz um 45 Prozent auf 1,06 Milliarden Dollar (807 Millionen Euro). Für Facebook ist dies vergleichsweise wenig. Auf die gewöhnlichen Aktionäre entfielen 137 Millionen Dollar Gewinn, das waren zehn Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Hauptgrund für den Rückgang waren deutlich gestiegene Marketing- und Entwicklungskosten. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte seine Mannschaft kräftig aufgestockt, um 46 Prozent auf gut 3500 Mitarbeiter. Neben der Werbung verdient Facebook vor allem an den beliebten Onlinespielen. Die Einnahmequellen abseits der Werbung trugen im ersten Quartal beinahe ein Fünftel zum Umsatz bei.

Erwartet wird, dass die Aktienplatzierung fünf Milliarden Dollar einbringen wird – auch wenn sich hartnäckig das Gerücht hält, dass es sogar zehn Milliarden werden könnten. Der gesamte Börsenwert von Facebook – also inklusive der Anteile, die bei den Alteigentümern wie Mark Zuckerberg verbleiben – wird auf 75 bis 100 Milliarden Dollar geschätzt.

Es wäre der bisher größte Börsengang einer Internet-Firma. Deutsche Anleger werden zunächst leer ausgehen. Denn die Facebook-Aktien werden an der US- Technologiebörse Nasdaq platziert. Und da haben deutsche Anleger keinen Zugriff. Ein Kauf der Aktie ist erst möglich, wenn die Papiere gelistet sind. Beobachter in Deutschland raten zur Vorsicht. „Ein schneller Kauf der Aktie ist wie der Gang ins Spielkasino“, sagt Fidel Helmer, erfahrener Börsenexperte vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser.

Wie viele Aktien das Unternehmen ausgibt, ist nicht bekannt. Es kursieren Spekulationen über einen Emissionspreis pro Aktie zwischen 38 und 40 Dollar. Unklar ist, ob dem Unternehmen aus dem Börsengang Geld zufließt. Die derzeitigen Eigentümer wollen laut Prospekt Anteile abgeben und damit Kasse machen. Dies befürchtet auch Oliver Roth vom Handelshaus Close Brothers Seydler. „Möglicherweise treiben die bei Facebook engagierten Investoren den Preis hoch, um dann die eigenen Papiere mit hohem Gewinn zu verkaufen.“ Ohnehin gebe es schon jetzt einen unglaublichen Hype. Jeder wolle bei Facebook dabei sein. Dies sei mehr als ein Warnzeichen, glaubt Roth.

Der 27-jährige Firmengründer Zuckerberg hält derzeit 28 Prozent an Facebook, hat sich aber durch Vereinbarungen mit anderen Anteilseignern knapp 57 Prozent der Stimmrechte gesichert, so dass er das Unternehmen auch nach dem Börsengang faktisch allein kontrollieren wird. Andere Großaktionäre mit mehr als fünf Prozent sind Mitbegründer Dustin Moskowitz und institutionelle Investoren. Auch Microsoft und Goldman Sachs sollen mit 1,6 und knapp einem Prozent bei Facebook dabei sein.

Bei einem Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar verbuchte das Netzwerk 2011 einen Gewinn von einer Milliarde Dollar, eine Rendite von 27 Prozent. Der Gewinn müsse aber um den Faktor fünf bis zehn steigen, um einen Börsenwert von 100 Milliarden Dollar zu rechtfertigen, meint Jürgen Meyer, Fondsmanager bei SEB Asset Management. Auch Roth und Helmer beurteilen den Börsenwert von 100 Milliarden Dollar als völlig überzogen. Man solle zumindest ein paar Tage abwarten, bis man einen Kauf der Facebook-Aktie in Erwägung ziehe, rät Roth. „Ich weiß nicht, ob man die Facebook-Aktie wirklich haben muss. Das ist auf jeden Fall ein spekulatives Investment.“ Fidel Helmer erinnert an die Blase am Neuen Markt um das Jahr 2000, „als Unternehmen wie EM.TV mit drei Büros und drei Computern so hoch bewertet wurden wie Daimler“. mit dpa

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