Fachkräfte und günstige Löhne locken im Nachbarland : Ab in den Osten

Immer mehr Firmen verlagern Jobs nach Polen. Auch die Zahncreme Elmex, die bisher in Lörrach hergestellt wurde, wird künftig dort produziert.

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Nicht mehr „Made in Germany“. Die Firma Gaba schließt nach Jahrzehnten ihre Produktionsstätte im südbadischen Lörrach.
Nicht mehr „Made in Germany“. Die Firma Gaba schließt nach Jahrzehnten ihre Produktionsstätte im südbadischen Lörrach.Foto: picture alliance / dpa

Die dreieckige orangefarbene Elmex-Junior Packung kennt auch in Polen fast jedes Kind. Bald wird auf dem Produkt der Basler Traditionsfirma Gaba aber nicht mehr „Made in Switzerland“ oder „Made in Lörrach/Germany“ stehen, sondern „Made in Poland“. Die Elmex-Produktion werde innerhalb von maximal zwei Jahren nach Polen verlagert, hatte das 2004 vom amerikanischen Hygieneartikelkonzern Colgate-Palmolive für rund eine Milliarde Franken übernommene Unternehmen den Mitarbeitern kürzlich mitgeteilt. 240 Stellen aus den traditionellen Produktionsstätten Therwil und Lörrach sollen aufgegeben und in das Nachbarland transferiert werden. Während in Therwil der Bereich Spülungen mit rund 100 Mitarbeitern von der Verlagerung betroffen ist, soll die Produktionsstätte in Lörrach, wo die berühmte Zahnpasta Elmex hergestellt wird, mit gut 140 Beschäftigten geschlossen und komplett nach Swidnica verlegt werden.

Die Stellenverlagerung ist Teil eines Ende Oktober am New Yorker Firmensitz von Colgate angekündigten Sparprogramms. Bis 2016 soll damit weltweit die Effektivität verbessert werden. Rund 2000 Arbeitsplätze, und damit sechs Prozent der mehr als 38 000 Stellen werden weltweit gestrichen, wobei ein Teil davon von Hochlohn- in Billiglohnländer verlagert werden dürfte. So wie bei Elmex. Denn ein einfacher Fabrikarbeiter verdient in Polen drei- bis fünfmal weniger als in der Schweiz.

Nicht betroffen vom Stellenabbau sind laut Gaba die Abteilungen Forschung und Entwicklung sowie die rund 300 Stellen in Verwaltung und Vertrieb. Allerdings hat die Gaba-Besitzerin Colgate erst kürzlich in der polnischen Hauptstadt Warschau ein eigenes Büro errichtet, in das firmeninterne Büro- und Finanzdienstleistungen ausgelagert werden sollen.

Auf polnischen Internetjobplattformen sucht das Colgate Bürozentrum namens ,,Europejskie Centrum Uslug Businesowych“ neues Personal: Auditoren, Buchhalter und Informatiker, um die Colgate mit „guten Löhnen in einem internationalen Umfeld“ wirbt. Gute Löhne bedeutet etwa 1100 Franken netto im Monat für sprachgewandte Studienabgänger. Dies entspricht in etwa dem polnischen Durchschnittslohn. Aufgewertet werden die Löhne oft durch in Polen wegen seines schwach ausgeprägten Sozialsystems wertvolle Nebenleistungen wie unentgeltliche Konsultationen bei Privatärzten, Sport-, Kultur- und Kinderbetreuungszuschüsse sowie Sprachkurse.

Mit der Verlagerung der Stellen folgt der Hygieneartikelhersteller einem allgemeinen Trend. Jeden Monat wandern Hunderte von Arbeitsplätzen aus Westeuropa, den USA oder Japan nach Polen, nicht nur Produktionsjobs, sondern auch Büro- und Verwaltungsstellen. Denn neben den günstigen Löhnen nennen Investoren immer häufiger das hohe Bildungsniveau als Grund für ihre Standortwahl. So hat sich die Zahl der Hochschulabsolventen in Polen innerhalb von nur zehn Jahren fast verdoppelt. Hinzu kommt, dass die Fachkräfte verfügbar sind, denn das Land hat mit rund 13 Prozent eine hohe Arbeitslosenquote. Vor allem Investoren aus den Bereichen IT und Forschung haben Polen als Wachstumsmarkt entdeckt. Neben Warschau hat sich hier die Metropole Wroclaw (Breslau) einen Namen gemacht – auch weil sie Investoren gezielt anwirbt.

Nicht nur Gaba, auch andere Schweizer Firmen haben mittlerweile betriebsinterne Funktionen nach Polen ausgelagert. Der Basler Pharmakonzern Roche ließ sich mit Entwicklungs- und Forschungsabteilungen vor ein paar Jahren in Warschau und Poznan nieder. Die UBS hat dort bereits vor Jahren ein eigenes Dienstleistungsbüro eröffnet, es folgten die Zürich Versicherungen und Syngenta. Auch die Credit Suisse baut ihren Standort in Wroclaw seit Jahren immer weiter aus. Selbst hochqualifizierte Finanzmarktprofis erhalten in Polen nur etwa die Hälfte eines entsprechenden Zürcher Lohns. Unter deutschen Firmen gehören in Polen Bayer, Bertelsmann und MAN zu den großen. Längst hat man sich in Deutschland daran gewöhnt, dass ganze Typenreihen von Opel und VW, aber auch die Nivea-Cremen in Polen hergestellt werden.

Doch zurück zu Gaba: Im westpolnischen Städtchen Swidnica, wo Colgate in der Sonderwirtschaftszone „Invest-Park“ seit 2004 eine große Produktionsstätte unterhält, ist bereits spürbar, dass die Produktion ausgebaut wird. Im lokalen Stellenmarkt werden bereits 180 Mitarbeiter gesucht.

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