Fachkräftemangel : 60-Stunden-Woche im Krankenhaus

Eine neue Studie zeichnet eine düstere Prognose: 2030 werden knapp eine Million Fachkräfte im Gesundheitssystem fehlen.

Lissy Kaufmann
Gestresste Ärzte. Ohne Reformen steht das Gesundheitssystem ab 2030 vor dem Kollaps, weil Fachkräfte fehlen.
Gestresste Ärzte. Ohne Reformen steht das Gesundheitssystem ab 2030 vor dem Kollaps, weil Fachkräfte fehlen.Foto: picture-alliance / medicalpictur

Berlin - Deutschland droht bis 2030 ein Fachkräftemangel im Gesundheitssystem. 165 000 Ärzte werden fehlen und fast 800 000 nichtärztliche Fachkräfte wie Krankenschwestern und -pfleger, wenn das derzeitige System nicht verändert wird. Das ist das Ergebnis einer Studie, die von der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PWC) in Auftrag gegeben und am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Das Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut Wifor hat mehr als 20 Millionen Datensätze zu Arbeitsmarkt, Altersstruktur und Ausbildungsentwicklung der Fachkräfte im Gesundheitswesen analysiert und eine Prognose bis 2030 erstellt. Bereits in zehn Jahren werde die Schere zwischen Nachfrage und Angebot auseinandergehen. Dann fehlen fast 56 000 Ärzte und 141 000 nichtärztliche Fachkräfte. Besonders dramatisch werde es aber ab 2030, wenn insgesamt knapp eine Million Fachkräfte fehlen. Ohne Reformen stehe das Gesundheitssystem vor dem Kollaps, warnen die Autoren der Studie. In Kliniken bliebe jede dritte Arztstelle unbesetzt, in Praxen jede zweite.

Grund dafür ist der demografische Wandel. Zum einen gehen in den kommenden Jahren immer mehr ältere Ärzte in den Ruhestand, ohne Nachfolger für ihre Arbeit zu finden. Zum anderen altert die Gesellschaft und die Nachfrage nach Ärzten, Schwestern und Pfleger steigt. „Der Fachkräftemangel ist weitaus größer, als wir befürchtet haben. Tun wir nichts, werden sich die Wartezeiten beim Hausarzt bis 2030 verdoppeln“, erklärte Harald Schmidt, Gesundheitsexperte von PWC. „In den Krankenhäusern werden die Schwestern durchschnittlich 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen, wenn die Versorgungsqualität nicht absinken soll.“

In den kommenden 20 Jahren würden die Patienten die katastrophale Versorgungssituation und die dramatische Überbelastung der verbliebenen Fachkräfte zu spüren bekommen, befürchten die Autoren. Eine weitere Folge seien volkswirtschaftliche Kosten: Bis 2030 ginge der Gesamtwirtschaft eine Wertschöpfung von 35 Milliarden Euro verloren. Um dieses Szenario abzuwenden, raten die Autoren, die Arbeitsbedingungen zu ändern und die Branche für junge Menschen attraktiver zu machen. Es müsse über flexiblere Arbeitszeiten und Kinderbetreuung nachgedacht werden, um vor allem Frauen für Berufe im Gesundheitswesen zu gewinnen. Intelligente IT-Systeme und die elektronische Krankenakte könnten die Ärzte von bürokratischen Aufgaben befreien, die oft als lästig empfunden werden. Durch diese Maßnahmen ließe sich auch verhindern, dass gut ausbildete Arbeitskräfte ins Ausland abwandern.

Außerdem sollten ambulante und stationäre Einrichtungen besser kooperieren. So könnte zum Beispiel vermieden werden, dass Patienten doppelt untersucht werden. Vor allem für ländliche Gebiete schlagen die Autoren Medizinische Versorgungszentren (MVZ) vor. Diese sollten die parallele Versorgungsstruktur ersetzen.

Mit einem anderen Vorschlag, zusätzliche Pflegekräfte aus dem Ausland einzustellen, treffen die Autoren eine aktuelle politische Debatte. Mit leichteren Einreise- und Arbeitserlaubnisbestimmungen sei es aber noch nicht getan. Auch die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen müssten verbessert werden, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb mithalten könne.

„Mehr Geld wird es für das Gesundheitsystem nicht geben“, erklärte Schmidt. Um die Herausforderungen dennoch bewältigen zu können, müssten die vorhandenen Ressourcen intelligenter eingesetzt werden. „Wir brauchen nicht mehr Geld, wir brauchen bessere Ideen.“

Das Gesundheitsministerium ist derzeit dabei, die Studie auszuwerten. Nach einer ersten Einschätzung bestätigten die Ergebnisse das Ministerium darin, dass rechtliche Maßnahmen notwendig seien, um einem Fachkräftemangel im Gesundheitssystem entgegenzuwirken, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

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