Fachkräftemangel : BA: Betriebe im Osten müssen Jugendlichen mehr bieten

Nach der Krise klagt eine wachsende Zahl von Unternehmen über einen Mangel an qualifizierten Kräften. Wie dramatisch ist die Lage wirklich und was können Staat und Wirtschaft tun?

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Lehrlinge lassen sich lieber im Westen ausbilden.
Lehrlinge lassen sich lieber im Westen ausbilden.Foto: ddp

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) fordert ein Umdenken. Die Betriebe sollten ihre Lehrstellen künftig auch mit schlechter qualifizierten Jugendlichen besetzen. „Die Unternehmen sollten auch den jungen Menschen eine Chance geben, die noch nicht hundertprozentig ausbildungsreif sind und dem Idealbild eines Bewerbers entsprechen“, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker dem Tagesspiegel. Die Zahl der Schulabgänger aus allgemeinbildenden Schulen sei in den vergangenen drei Jahren von 965 000 auf 877 000 zurückgegangen, in den nächsten Jahren gingen außerdem in vielen Betrieben zahlreiche Fachkräfte in den Ruhestand. „Für Arbeitgeber wird es immer schwerer, geeigneten Nachwuchs zu finden“, prognostiziert Becker.

Nach den jüngsten Zahlen der Bundesagentur suchten Ende Juli, kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres, bundesweit noch immer 152 600 junge Menschen eine Lehrstelle. Zugleich waren 108 500 Ausbildungsplätze noch unbesetzt. Dabei gibt es deutliche regionale Unterschiede.

Becker verwies darauf, dass die BA Azubis – und damit auch ihre Arbeitgeber – mit ausbildungsbegleitenden Hilfen und sozialpädagogischer Betreuung unterstützen könne. Etwa durch individuellen Nachhilfeunterricht, etwa beim Schreiben oder Rechnen, aber auch durch Training in der Fachpraxis. „Wenn jemand nicht feilen kann, das aber für seine Ausbildung braucht, können wir ihm das beibringen“, sagte Becker. Der Vorteil für die Arbeitgeber sei, dass die Hilfen außerhalb der Ausbildungszeit liefen und von der Bundesagentur bezahlt würden. Derzeit werden mehr als 70 000 Lehrlinge pro Jahr so gefördert.

Vor allem in Ostdeutschland ist nach Angaben von Becker der Einbruch der Schülerzahlen besonders deutlich spürbar. So seien in Leipzig in den vergangenen drei Jahren die Bewerberzahlen für Ausbildungsplätze um jeweils mehr als 20 Prozent zurückgegangen. Auch Berlin bekommt diese Entwicklung zu spüren: Im Juli 2010 lag die Zahl der Bewerber um elf Prozent unter dem Vorjahresniveau, in den Jahren 2009 und 2008 ging diese Zahl sogar um 27 und 24 Prozent zurück. Becker appellierte daher an die Betriebe in Ostdeutschland, durch attraktive Lehrstellen auch einen Teil der jungen Leute zu halten, die bisher für ihre Ausbildung in den Westen gezogen sind. Insbesondere in Regionen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze wie in Sachsen-Anhalt und Thüringen gehen viele Jugendliche für die Ausbildung in die benachbarten westdeutschen Bundesländer. Im Jahr 2009 begannen unter dem Strich fast 15 000 ostdeutsche Jugendliche eine Ausbildung in den alten Ländern. BA-Vorstand Becker mahnt die Betriebe: „Da muss manch einer sicher auch über bessere Rahmenbedingungen nachdenken.“ So sind in den neuen Bundesländern die Ausbildungsvergütungen um einiges niedriger als im Westen. Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung erhielten tarifvertraglich bezahlte Azubis im Jahr 2009 im Westen im Durchschnitt 679 Euro brutto im Monat, in Ostdeutschland waren es 595 Euro.

Becker äußerte zugleich Verständnis dafür, dass Handwerksbetriebe in manchen Regionen in Ostdeutschland, in denen die Schulabgängerzahlen dramatisch zurückgehen, künftig auch polnische Lehrlinge einstellen wollen. „Wir plädieren zwar dafür, erst einmal die Jugendlichen aus dem Inland einzustellen, die das ein oder andere Hemmnis haben. Aber in Mangelsituationen müssen die Betriebe sich auch darüber hinaus etwas einfallen lassen“, sagt Becker. Jugendliche aus Polen zu werben, dürfte aus seiner Sicht allerdings nicht die erhoffte Lösung bringen. „Dort macht sich die demografische Entwicklung ebenfalls bemerkbar, und die beruflichen Perspektiven für die Jugendlichen haben sich verbessert.“

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