Fachkräftemangel : Dax-Konzerne suchen 10.000 Leute

Nach der ausgebliebenen Entlassungswelle im Krisenjahr 2009 suchen die Unternehmen nun schon wieder händeringend neue Mitarbeiter. Das belegt eine "Handelsblatt"-Umfrage unter den 30 größten deutschen börsennotierten Konzernen.

Ulf Sommer, Handelsblatt
Auf der Suche nach Chemikern und Medizinern sind Bayer und BASF.
Auf der Suche nach Chemikern und Medizinern sind Bayer und BASF.Foto: promo

Düsseldorf - „Wir suchen derzeit gut 100 Mitarbeiter, darunter Bergleute, Schlosser, Elektriker, Ingenieure sowie Juristen und Chemiker“, heißt es beim Salz- und Düngemittelspezialisten K+S. Den größten Bedarf meldet Siemens. „Allein in Deutschland haben wir derzeit mehr als 2000 offene Stellen, und die Zahl steigt kontinuierlich an“, sagte ein Sprecher. Gefragt sind Informatiker, Maschinenbauer, Elektrotechniker und Naturwissenschaftler. Selbst der vor einem Jahr noch angeschlagene Chiphersteller Infineon versucht aktuell, gut 120 Stellen zu besetzen, unter anderem Entwicklungsingenieure, Elektrotechniker, Software- und Marketingexperten.

Trotz nie gekannter Auftragseinbrüche und Milliardenverluste im vergangenen Jahr verzichteten die Konzerne auf Entlassungen im großen Stil und setzten stattdessen auf verlängerte Ferien und Kurzarbeit. Bei Daimler arbeiteten zeitweise mehr als 27 000 Mitarbeiter kurz, bei Siemens 19 000 und beim Lkw-Hersteller MAN 17 400 – das waren 60 Prozent der Belegschaft.

Nur wenige Monate nach dem Anziehen der Konjunktur suchen alle Dax-Konzerne Personal. Gut 10 000 Angebote warten auf Bewerber. Vor drei Monaten waren es weniger als 5000. Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer will 200 Stellen schaffen und bemüht sich unter anderem um Chemiker und Mediziner, aber auch Betriebswirtschaftler und IT-Experten. Henkel braucht Wirtschafts- und Naturwissenschaftler, der Markenkonzern Beiersdorf Finanz- und Marketingexperten und der weltgrößte Chemiekonzern BASF sogar Geisteswissenschaftler.

Beinahe alle Personalabteilungen suchen MINT-Qualifizierte, das heißt Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler oder Techniker. Bei der Hälfte der Firmen stehen Ingenieure auf dem Wunschzettel. Angaben des Berufsverbandes VDI zufolge gibt es derzeit in Deutschland 60 000 offene Ingenieurstellen. „Das Problem kommt mit voller Wucht zurück“, sagte VDI-Direktor Willi Fuchs. Bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 hatten die Unternehmen schon einmal händeringend Ingenieure gesucht. Viele Firmen entwickelten eigene Aus- und Weiterbildungszentren und akquirierten Fachleute im Ausland, besonders in Indien. Der Aufwand war hoch, der Erfolg blieb gering, zumal sich viele Abgeworbene oft nach wenigen Monaten für lukrativere Angebote entschieden.

Grund für den neuerlichen Massenbedarf ist, dass viele Firmen ihre Strategie angesichts der rasant steigenden Nachfrage neu justieren. Standen bis vor kurzem Kostensenkungsprogramme auf der Agenda, fokussiert sich nun die Mehrheit der Firmen auf Wachstum. Nachdem den börsennotierten Konzernen ihre Nettogewinne in der Rezession 2008/09 um mehr als die Hälfte eingebrochen waren, wird schon in diesem Jahr ein Drittel der 30 Dax-Konzerne mindestens so viel verdienen wie im Rekordjahr 2007. Mit solch einer Erholung hatten weder Konjunkturexperten und Aktionäre noch die Unternehmen selbst und nicht einmal die notorisch optimistischen Analysten gerechnet.

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