Fachkräftemangel : Der Pflege droht ein Desaster

In den kommenden neun Jahren werden in Deutschland 220 000 Pflegekräfte zusätzlich gebraucht. Der Wegfall des Zivildienstes hat das Problem verschärft.

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Der Mangel an Pflegekräften spitzt sich zu.
Der Mangel an Pflegekräften spitzt sich zu.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Das Problem fehlender Fachkräfte in der Pflege spitzt sich zu: In den kommenden neun Jahren benötigt Deutschland 220 000 Vollzeit-Pfleger zusätzlich. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) mit Sitz in Köln am Dienstag in Berlin vorstellte. Demnach wird allein die Nachfrage nach Pflegeheimplätzen bis 2020 um mehr als ein Drittel ansteigen. Hinzu kommt der wachsende Bedarf an ambulanter Betreuung.

Dabei haben viele Einrichtungen bereits jetzt Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden: Zurzeit sind in der Branche 970 000 Menschen beschäftigt. Weil davon etliche in Teilzeit arbeiten, besetzen sie zusammen 680 000 Vollzeitstellen. Sie versorgen 2,5 Millionen Pflegebedürftige. „Fakt ist, wir haben einen schmerzhaften Fachkräftemangel“, sagt Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (BPA), der die Studie in Auftrag gegeben hat. Vereinzelt stünden komplette Abteilungen leer, weil es nicht genug Mitarbeiter gibt. „Auf drei freie Stellen kommt ein Bewerber.“

Früher blieben Zivis "kleben"

Die vorhandenen Fachkräfte seien deshalb einer chronischen Überlastung ausgesetzt, die sich auch auf die Pflegequalität auswirke, warnte der Verbandspräsident. Verschärft worden sei die Situation durch die Abschaffung des Zivildiensts: Nicht nur, dass es an Unterstützung fehlt. „Auch der Klebe-Effekt bleibt aus“, sagt Meurer. Bislang habe es immer junge Menschen gegeben, die sich aufgrund ihrer Erfahrungen im Zivildienst dazu entschlössen, sich zu Pflegern ausbilden zu lassen. Dieser Einstieg falle nun weg. „Wir haben eine eklatante Situation“, fasste Meurer zusammen. „Wenn wir nicht bald handeln, endet das im Desaster.“ Kritik äußerte er an den Plänen der Europäischen Union, die Zugangsvoraussetzungen für den Beruf des Kranken- und Altenpflegers von zehn auf zwölf Jahre Schulbildung heraufzusetzen. „Dann könnten 90 Prozent der Jugendlichen, die diesen Beruf erlernen, das künftig nicht mehr tun, weil sie nur über einen Real- oder Hauptschulabschluss verfügen“, so Meurer.

Dominik Enste, der die Untersuchung beim IW leitete, sieht eine Chance im Einsatz von Personal aus verwandten Berufen wie dem des medizinisch-technischen Assistenten oder dem des Arzthelfers. „Wechsel sollten so einfach wie möglich gestalten werden“, appellierte er.

In der Pflicht ist nach Ansicht von Verband und Institut zuallererst die Politik: Zu viel Steuerung durch den Staat betrachten beide als hinderlich. „Der Wettbewerb zwischen den Anbietern muss gefördert werden“, sagte Enste. Nichtsdestotrotz werde man die Lücke aus eigenen Reihen nicht schießen können, prognostiziert der Verband. „Wir brauchen Zuwanderung, auch aus dem außereuropäischen Ausland.“

Die Pflege: ein Wirtschaftsfaktor

Das IW wies zudem darauf hin, dass die Wirtschaftskraft der Branche unterschätzt werde. „Fälschlicherweise gilt die Pflege nur als Kostenfaktor“, sagte Enste. 2011 mache sie mehr als 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Das Umsatzvolumen der Branche wird auf 33 Milliarden Euro beziffert. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen den Forschern zufolge auf vier Millionen erhöhen. Dann würden 2,1 Millionen Pfleger gebraucht.

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